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Karl Bonhoeffer empfiehlt

Der Vater von Klaus und Dietrich steht für eine Kollegin ein

„Sie besitzt außergewöhnliche diagnostische Fähigkeiten. Ihre Arbeitsenergie ist groß. Sie ist vertrauenswürdig und zuverlässig im medizinischen Dienst. Diese Eigenschaften sind es, die ihr die Bewunderung der Ärzte und das Vertrauen ihrer Patienten erwarben.“

Berlin

Prof. Karl Bonhoeffer, ein Psychiater und Neurologe sowie der Vater zweier prominenter Gegner des NS-Regimes, Klaus und Dietrich Bonhoeffer, lehrte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und leitete die Abteilung für psychische und Nervenkrankheiten an der Charité. In diesem Empfehlungsschreiben – in englischer Sprache zum Gebrauch im Exil abgefasst – lobt Bonhoeffer die herausragenden Leistungen seiner jüdischen Kollegin Dr. Herta Seidemann. Während seine Einstellung zu gewissen Programmen der Nazis (z.B. Zwangssterilisierung von Erbkranken und Euthanasie) umstritten ist, steht sein Einsatz für verschiedene jüdische Kollegen außer Zweifel.

Kein Weg zurück

Das polnische Parlament verabschiedet ein neues Gesetz gegen jüdische Rückkehrer

„Das Gesetz wird Tausende von Juden in Österreich, Deutschland, Palästina und anderswo beeinträchtigen“.

Warschau

Infolge der Annexion Österreichs, dem sogenannten „Anschluss“, verabschiedete das polnische Parlament („Sejm“), das die Rückkehr von bis zu 20.000 polnischen Staatsbürgern aus Österreich befürchtete, ein Gesetz, laut dem Polen, die mehr als fünf Jahre im Ausland gelebt hatten, ihre Staatsbürgerschaft verlieren sollten. Während sich unter der Piłsudski-Regierung die Lage der Juden etwas verbessert hatte, trat nach dem Tod des Marschalls, insbesondere in der durch das „Lager der Nationalen Einheit“ (ab 1937) geschaffenen Atmosphäre, der Antisemitismus wieder hervor: Universitäten unterwarfen jüdische Studenten einem Numerus Clausus und führten „Ghettobänke“ für sie ein, Juden wurden für die Weltwirtschaftskrise verantwortlich gemacht, ihre Geschäfte boykottiert und geplündert, und hunderte von Juden wurden körperlich verletzt oder sogar getötet.

Ein zweites Salzburg?

Max Reinhardt baut sich eine neue Existenz in Kalifornien

Hollywood

Der österreichische Theater- und Filmregisseur Max Reinhardt emigrierte im Oktober in die Vereinigten Staaten, begleitet von seiner Frau, der Schauspielerin Helene Thimig. Durch technische Neuerungen und die Erhöhung des Status des Regisseurs spielte Reinhardt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des modernen Theaters. Mit seiner „Jedermann“-Inszenierung wurde er 1920 zum Mitbegründer der Salzburger Festspiele. Kurz nachdem er sich in den Vereinigten Staaten niedergelassen hatte, kamen Pläne auf, in Kalifornien ein „zweites Salzburg“ zu gründen – diesmal „unter günstigeren klimatischen und politischen Bedingungen, und vielleicht mit größeren finanziellen Mitteln“, wie er – auf Englisch – an Toscanini schrieb. Unter seinen Errungenschaften in den USA waren die Inszenierung von Werfels „The Eternal Road“ (englische Version von „Der Weg der Verheißung“) und die Einrichtung des Max Reinhardt Workshop for Stage, Screen and Radio, einer Theater- und Filmakademie in Hollywood (1937-39). Vom amerikanischen Publikum hielt er nicht viel.

So weit weg wie möglich

Die Auswanderungsanträge im australischen Konsulat in Österreich erreichen einen neuen Höchststand

„The British consulate general admitted the would-be emigrants in groups of a hundred, giving out applications for visas and information on requirements for settlement in all parts of the British empire“.

Wien

Mehr als zwei Wochen waren seit der Machtübernahme der Nazis in Österreich vergangen. Nach dem anfänglichen Schock und der Fassungslosigkeit unter den Juden des Landes griffen Verzweiflung und Panik um sich. Viele reagierten, indem sie sich über Visabestimmungen für Länder wie die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Australien erkundigten, die Sicherheit und ausreichende Distanz zu der dramatischen neuen Situation in Österreich versprachen. Zwischen dem 24. und dem 28. März gingen allein beim australischen Konsulat 6000 Einwanderungsanträge ein – eine Zahl, die die offizielle Einwanderungsquote des Landes bei Weitem überstieg.

Elternfreuden

Familienleben im Schatten des Naziregimes

„Helen wächst schnell, sieht gesund und frisch aus u. ist ein hübsches Mädchen. Sie ist geistig rege u. fängt schon an zu rechnen, schreiben u. lesen.“

Hamburg

Wilhelm Hesse war der Sohn eines orthodoxen Geschäftsmanns. Er lebte in Hamburg mit seiner Frau Ruth und seinen beiden kleinen Töchtern Helen und Eva, deren erste Lebensjahre er in eigens für die Kinder angelegten Tagebüchern festhielt. Zwischen den Einträgen finden sich Hinweise auf jüdische Feiertage und Fotografien der Kinder. Im hier abgebildeten Eintrag dokumentiert er stolz und detailliert die Fortschritte seiner Tochter Helen, die zum Zeitpunkt des Eintrags noch nicht fünf Jahre alt ist. Der promovierte Jurist Hesse war bereits im April 1933 aus dem Dienst entlassen worden.

Ausgebürgert

Nach Deutschland eingebürgerte Juden verlieren ihre Staatsbürgerschaft

Berlin

Seit dem Inkraftreten des Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft im Juli 1933 konnten Einbürgerungen, die zwischen dem Ausruf der Republik am 9. November 1918 und dem Machtantritt der Nazis am 30. Januar 1933 vollzogen worden waren, widerrufen und „Unerwünschten“ die Staatsbürgerschaft entzogen werden. Das Gesetz zielte auf politische Gegner und Juden ab: 16.000 östeuropäische Juden hatten in dem relevanten Zeitraum die deutsche Staatsbürgerschaft erworben. Unter denjenigen, deren Namen auf der Ausbürgerungsliste vom 26. März 1938 erscheinen, sind Otto Wilhelm, seine Frau Katharina und die drei Kinder des Paares, wohnhaft in Worms und allesamt in Deutschland geboren.

In der Heimat verloren

Österreichische Juden und das US-Konsulat in Wien

„Hunderte kamen in der Annahme, die Vereinigten Staaten seien bereit, die Überfahrt von 20.000 Einwanderern zu genehmigen und zu finzieren. Vertreter des Konsulats wandten sich an Gruppen von Antragstellern, um ihnen den tatsächlichen Sachverhalt zu erklären“.

Wien

In einem weiteren dramatischen Bericht aus Österreich beschreibt die „Jewish Telegraphic Agency“ verängstige Juden, die in der fehlgeleiteten Hoffnung auf Unterstützung in das Konsulat der Vereinigten Staaten strömten. Gerade prominente Juden mussten mit Schikanen und Festnahme durch die Gestapo rechnen. Führende Persönlichkeiten des österreichischen Judentums waren gezwungen, die Polizei über ihre Aktivitäten zu unterrichten, während es ihren deutschen Amtskollegen aufgrund eines Einreiseverbots für Juden unmöglich war, ihnen einen Solidaritätsbesuch abzustatten. Des Weiteren berichtet die JTA, die Situation tausender jüdischer Schauspieler sei mittlerweile dermaßen verzweifelt, dass selbst der nationalsozialistische Beauftragte des österreichischen Bühnenvereins eine Kampagne zu ihren Gunsten zulasse.

Eine gewöhnliche Trauerrede in einer Zeit grosser Verluste

Max Kirschner erinnert an Hedwig Waller

Frankfurt am Main

Gerade 20 Jahre waren vergangen seit Ende des Ersten Weltkriegs, in dem Max Kirschner, ein in Frankfurt am Main ansässiger Arzt, mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war – bemerkenswerter Weise dafür, dass er feindlichen Infanteristen zur Seite gestanden hatte. Doch die Tatsache, dass Kirschner als einer von 100.000 deutschen Juden, von denen 12.000 ihr Leben ließen, im Krieg für Deutschland gekämpft hatte, nützte ihm nicht: 1938 wurde ihm, wie allen anderen jüdischen Ärzten, die Approbation entzogen. In seiner Trauerrede für Hedwig Wallach, die einer alteingesessenen Frankfurter Familie entstammte, pries er deren Hingabe an ihren Mann, ihr lebhaftes Interesse an ihren Kindern und die stille Tapferkeit, mit der sie ihre Krankheit ertragen hatte.

QUELLE

Jüdisches Museum Berlin

Rede von Max Kirschner anlässlich der Beerdigung von Hedwig Wallach

Sammlung Familie Kirschner

Soma Morgenstern

Ein Universalist lässt alles zurück und trifft im Exil auf einen alten Freund

Wien

Soma Morgenstern war promovierter Jurist, doch er zog es vor, seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller und Journalist zu verdienen und schrieb Feulliettons über Musik und Theater. Der gebürtige Ost-Galizianer beherrschte mehrere Sprachen, darunter Ukrainisch und Jiddisch. Er schrieb in deutscher Sprache. Nach seiner Entlassung 1933 von der Frankfurter Zeitung, deren Kulturkorrespondent er gewesen war, hielt er sich mühsam mit journalistischen Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Die Annexion Österreichs an Nazi-Deutschland machte seine Situation vollends untragbar: In die Emigration gezwungen, hinterließ er seine Ehefrau, ein Kind und zahlreiche Manuskripte. Am 23. März war er bereits im sicheren Paris, wo er mit einem weiteren berühmten galizianer Exilanten, seinem alten Freund, dem Schriftsteller Joseph Roth, im Hôtel de la Poste wohnte.

Frauenrechte sind Menschenrechte

Der Jüdische Frauenbund berät junge Frauen bei der Ausreise

Berlin

Lange Zeit war die Sicherstellung der Würde und Unabhängigkeit jüdischer Frauen und ihr Schutz vor Menschenhändlern ein zentrales Anliegen des Jüdischen Frauenbundes. Der 1904 gegründete Verein unterstützte junge Frauen, in dem er es ihnen ermöglichte, eine Berufsausbildung absolvieren. Inzwischen hatten sich andere Themen in den Vordergrund gedrängt: Am 22. März lud die Gruppe berufstätiger Frauen innerhalb des Bundes, vertreten durch Käthe Mende, zu einem „Aussprache-Abend“ für weibliche Jugendliche ein, bei dem Berufs- und Auswanderungsfragen diskutiert werden sollten. Die Gastrednerin war Lotte Landau-Türk; Prof. Cora Berliner, eine frühere Angestellte im Reichswirtschaftsministerium und Professorin für Wirtschaftswissenschaften, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 aus dem Staatsdienst entlassen worden war, moderierte die Diskussion.

QUELLE

New Synagogue Berlin – Centrum Judaicum

Einladung zu einer Veranstaltung der Gruppe berufstätiger Frauen im Verband Berlin des Jüdischen Frauenbundes zum Thema „Berufs- und Auswanderungsfragen für die weibliche Jugend“

CJA, 1 C Fr 1, Nr. 31, #9835, Bl. 32

Annelieses Kampf im Alltag

Briefwechsel einer verstreuten Familie

„Ich würde Dir jedenfalls raten, Dich an die Dame zu wenden. Sie könnte doch die Möglichkeit haben, in ihrem Bekanntenkreis etwas für Dich zu finden“.

Berlin / Rom

Im März 1938 lebt Anneliese Riess noch immer in Rom. Zusätzlich zu ihrem Briefkontakt mit ihrer Schwester Else (s. Brief vom 5. Februar) korrespondiert sie mit ihren Eltern in Berlin. Wie bei anderen Familien, die über mehrere Länder verstreut sind, befassen sich die Briefe der Familie Riess mit alltäglichen Begebenheiten und praktischen Auskünften zur Emigration. Da ihr italienisches Visum kurz vor dem Ablaufen steht, versucht die junge Frau, einen neuen, sicheren Zufluchtsort zu finden. Durch ihren Freundeskreis hat ihre Mutter von der Möglichkeit einer Anstellung Annelieses in Lund, Schweden erfahren. In diesem Brief rät sie ihr, sich genauer darüber zu erkundigen.

Jüdisches Geschäft

Ausgrenzung in Österreich

Wien

Diese Stereofotografie vom März 1938 zeigt ein Damenwäschegeschäft in Wien, auf dessen Schaufenster ein Aufkleber mit dem Schriftzug „Jüdisches Geschäft“ angebracht wurde. Unmittelbar nach dem vielfach umjubelten Einmarsch der Deutschen Wehrmacht am 12. März in Österreich begann für die dortige jüdische Bevölkerung eine Diffamierung, wie sie deutsche Jüdinnen und Juden bereits seit 1933 erlitten. Das Bild ist Teil der „Sammlung Schönstein“ am Deutschen Historischen Museum. Anfang der 1930er Jahre gründete der Nürnberger Otto Schönstein (1891-1958) seinen „Raumbild-Verlag“, in dem er Alben mit Stereofotografien verlegte. 1937 engagierte sich Heinrich Hoffmann, Hitlers „Leibfotograf“, in dem wirtschaftlich schwächelnden Verlag und nutzte ihn für die Verbreitung von NS-Propaganda.

QUELLE

Deutsches Historisches Museum

Stereofotografie eines jüdischen Geschäfts für Damenwäsche in Wien

Inv. Nr. Schönstein 4207

Arisierung

Juden werden gezwungen, ihren Besitz zu veräussern

„Wir nehmen gerne Veranlassung, Ihnen für das entgegengebrachte Vertrauen zu danken“.

Augsburg

Nach über hundert erfolgreichen Geschäftsjahren gibt die Baumwollweberei M.S. Landauer in Augsburg den Verkauf des Unternehmens bekannt. Während des Naziregimes wurden Juden gezwungen, ihren Besitz an „Arier“ zu verkaufen – für gewöhnlich erheblich unter dem tatsächlichen Wert. In manchen Fällen kamen die Besitzer der offiziellen Aufforderung zuvor, was sie aber in der Regel nicht vor größeren Verlusten bewahrte. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Gründer der Firma F.C. Ploucquet, in deren Besitz das Unternehmen übergegangen war, hugenottischer Abstammung und damit selbst Mitglied einer Gemeinschaft gewesen war, die schwere Verfolgungen erlebt hatte.

Die Welt zur Rettung

Jüdische Vorsteher und Medien wissen: Sie brauchen jede Unterstützung, die sie bekommen können

„Die österreichischen Juden haben eine alte Tradition als voll gleichberechtigte Bürger, die stets ihre Kräfte in den Dienst der Heimat gestellt haben und zum Aufschwung derselben auf allen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gebieten wesentlich beigetragen haben“.

Bratislava

Das gesamte Titelblatt der deutschsprachigen religiös-zionistischen „Allgemeinen Jüdischen Zeitung“ in Bratislava ist dem „Anschluss“ gewidmet: Juden werden aufgerufen, ihren österreichischen Glaubensgenossen zur Seite zu stehen. Eine anonyme Quelle weist auf die Verarmung weiter Teile der österreichischen Judenheit und die daraus resultierende Notwendigkeit hin, das Sozialwesen neu zu ordnen und sich den immer dringender werdenden Angelegenheiten der Umschulung und der Emigration zuzuwenden. Der Leser wird daran erinnert, dass Österreich noch immer Mitglied des Völkerbunds sei und dass das österreichische Recht gleiche Rechte für religiöse und nationale Minderheiten einfordere. Unter anderen Quellen wird der britische Unterstaatssekretär für Äußeres, Butler, zitiert, der berichtet, er habe Zusicherungen bekommen, die deutsche Regierung werde in Bezug auf Minderheiten „alle Anstrengungen unternehmen, eine Mäßigung der Politik zu erzielen“. Auch berichtet das Blatt, der Präsident des Jüdischen Weltkongress, Rabbi Wise, habe an den Völkerbund appelliert, den Juden beizustehen. Ansonsten zeichnet sich ein düsteres Bild ab: Die Produktion jüdischer Zeitungen eingestellt, prominente Juden arrestiert, ein jüdisches Theater geschlossen, die jüdische Ärzte entlassen und andere Schikanen. Die Zeitung ruft Juden in aller Welt auf, den Brüdern und Schwestern in Österreich zur Seite zu stehen.

Der Name ist Programm

Das Kinderheim "Beit Ahawah" schenkt jüdischen Kindern Geborgenheit in Berlin—und darüber hinaus

Berlin

Das als übermäßig autoritär bekannte preußische Erziehungssystem hatte traditionell auf Gehorsamkeit und Pflichterfüllung abgezielt, wobei den Kindern oft frühzeitig die Flügel gebrochen wurden. Im Kinderheim „Ahawah“ (hebr. für „Liebe“) auf der Auguststraße in Berlin-Mitte herrschte ein anderer Geist: Die Kinder durften in einem „Kinderrat“ mitentscheiden, sie sollten zu Staatsbürgern, nicht zu Untertanen erzogen werden. Körperliche Bestrafung war verboten und alle Mitarbeiter waren dazu angehalten, die Atmosphäre eines echten Zuhauses zu schaffen. Beate Berger, eine Krankenschwester und Leiterin des Heims seit 1922, nahm eine Gruppe von Kindern mit sich, als sie 1934 nach Palästina emigrierte und kehrte in den folgenden Jahren oft nach Deutschland zurück, um weitere Kinder zu retten. Die Fotos zeigen kostümierte Kinder bei der Purimfeier des Heims.

Anlernwerkstatt und Auswanderungspläne

Ein Frankfurter Lehrer sucht Hilfe bei einem Kollegen in den USA

„Wir wollen drüben mit Menschen zusammen kommen, mit denen wir auch über unsere Pläne - nicht über unsere persönlichen, sondern über die jüdisch-sozialen - sprechen können. Die Situation für die jüdische Jugend wird doch von Tag zu Tag ernster, und wir halten uns für verpflichtet, alle Möglichkeiten, die wir drüben sehen, auszunutzen.“

Frankfurt am Main

Kaum hatte er seine Karriere als Lehrer am Goethe-Gymnasium in Frankfurt am Main begonnen, verlor Hans Epstein 1933 nach der Machtergreifung seine Stelle. Nach einem kurzen Intermezzo als Lehrer am berühmten „Philanthropin“ in Frankfurt am Main, einer progressiven jüdischen Schule mit dem Wahlspruch „Für Aufklärung und Humanität“, wurde er zum Mitbegründer der „Anlernwerkstatt“, die jüdische Kinder auf die Emigration in die USA vorbereitete. Der Mathematiker Otto Toeplitz, ein passionierter Pädagoge, unterrichtete nun Kinder und organisierte die Auswanderung von Studenten in die Vereinigten Staaten. In diesem Brief bittet Epstein Toeplitz um ein Empfehlungsschreiben und um Kontakte in den USA, die seinen Bemühungen förderlich sein könnten.

Hitler auf Heimatbesuch

Adolph Marcus hält seine Eindrücke im Tagebuch fest

„Die Angst unter dem Personal wächst von Tag zu Tag [...]“.

Linz

Vom 12. bis zum 14. März hatte sich Hitler in Linz aufgehalten, das er seit seinen dort verbrachten Jugendjahren als seine Heimatstadt betrachtete. In seiner Rede an die Bevölkerung der Stadt hatte er sich zum Vollstrecker des Volkswillens stilisiert und den „Opferwillen“ der deutschen Soldaten und die „Größe und Herrlichkeit“ des deutschen Volkes beschworen. Viele unter seinem Publikum reagierten begeistert, andere wurden von Furcht ergriffen. Mit zwei Sätzen gelingt es Adolph Markus, die angstvolle Atmosphäre an seinem Arbeitsplatz in Linz Tage nach dem „Anschluss“ einzufangen.

Ein Geschmack von Heimat

Eine deutsch-jüdische Auswandererzeitung bewirbt "echte, gute, deutsche Wurst"

„Endlich das, was Sie sich wünschen: die echte, gute, deutsche Wurst, hergestellt aus prima Rind- und Kalbfleisch zu den billigsten Tagespreisen“

New York

Nach den Strapazen ihres erzwungenen Abschieds von der Heimat, oft begleitet von einem Verlust an Status, Besitz und elementarem Vertrauen in die Menschheit, schienen die deutschen Juden wenig Grund zu Heimweh zu haben. Diese Anzeige aus dem „Aufbau“, der deutsch-jüdischen Zeitung mit Sitz in New York, die damals als Mitteilungsblatt des „German Jewish Club“ diente, zeigt, dass jüdische Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland sich dennoch nicht unbedigt eilten, ihre mitgebrachten Essgewohnheiten zu ändern.

Diskriminierungen und Verhaftungen

Einen Tag nach dem Anschluss eskalieren die Feindseligkeiten

Wien

Nach ihrem triumphalen Einzug in Österreich verloren die Nazis keine Zeit, die jüdische Bevölkerung des Landes einzuschüchtern und sie aus einflussreichen Stellungen und aus dem gesellschaftlichen Leben zu verdrängen: Prominente Bankiers und Geschäftsmänner wurden verhaftet, andere Juden – besonders solche, die in Bereichen tätig waren, die als „jüdisch“ galten, wie die Presse und das Theater – wurden entlassen und durch „Arier“ ersetzt. Die Atmosphäre in Österreich Juden gegenüber wurde zunehmend feindselig. In Organisationen, deren Ziel es war, die Auswanderung von Juden nach Palästina zu fördern, fanden Razzien statt. Gleichzeitig hatte man die Annullierung der Pässe „gewisser Leute“ angekündigt. Erwähnenswert ist, dass die Zahl der Juden in Österreich im März 1938 etwa 206.000 betrug, womit sie gerade 3% der Gesamtbevölkerung ausmachten.

Fassungslosigkeit

„Was heut geschehen ist, kommt einem Tode gleich“

„Was ich gestern noch für einen kaum fassbaren Gedanken hielt, ja ihn von mir stieß, damit er mir nur nicht zu Bewusstsein käme, ist mir heute keine Frage des Bangens und der Trauer mehr: die Auswanderung“

Wien

Trotz zahlreicher Signale einer politischen Kursänderung in Österreich kam der „Anschluss“ am 12. März für viele jüdische Österreicher überraschend. Einer von ihnen war der 25-jährige Jurist Paul Steiner. Wie viele andere Zeugen umwälzender historischer Ereignisse erfasste er die Größenordnung der Veränderung nicht, bis sie vollends eingetreten war. Am Tag des „Anschlusses“ brachte er in seinem Tagebuch seine Fassungslosigkeit zum Ausdruck. Innerhalb weniger Stunden nach der historischen Umwälzung schlugen Steiners Liebe und Bindung an Österreich in Gleichgültigkeit um. Da ihm die neue politische Realität in Österreich hoffnungslos erschien, fasste er den schnellen aber rationalen Entschluss, die Heimat so schnell wie möglich zu verlassen.

 

Verfolgen Sie eine 24-Stunden-Rekonstruktion der Machtergreifung des Nationalsozialismus in Österreich online unter www.zeituhr1938.at

Live im Internet vom 11. März 2018, 18:00 Uhr bis 12. März 2018, 18:00 Uhr

 

Jahreschronik 1938

Der Anschluss Österreichs

Österreichische Frauen bejubeln den Einmarsch deutscher Soldaten während des Anschluss.

Der Österreichische Bundespräsident Wilhelm Miklas bestellt nach deutschen Drohungen das sogenannte Anschlusskabinett ein, das vom 11. – 13. März regiert. Wehrmacht, SS und Polizeieinheiten marschieren am 12. März in Österreich ein. Die nationalsozialistische Bundesregierung führt am 13. März 1938 im Auftrag von Adolf Hitler den „Anschluss“ durch. Er bewirkt sukzessive das völlige Aufgehen Österreichs im Deutschen Reich. Die Herrschaft des Nationalsozialismus währt in Wien und Umgebung bis zum Vorrücken der Roten Armee Mitte April 1945. Der „Anschluss“ wird in der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 für „null und nichtig“ erklärt. In vielen anderen Landesteilen Österreichs endet das NS-Regime erst mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Mai 1945.

Zur Jahreschronik 1938

Ruhe vor dem Sturm

Ahnungslosigkeit am Tage vor dem Anschluss

„Die Strassen sind merkwürdig ruhig, “Ruhe vor dem Sturm”. Um 5 Uhr nachmittag sind auf manchen Häusern (Meyerzetthaus) Hakenkreuzfahnen sichtbar. Laut Radiobericht ist die österr. Regierung zurückgetreten und Seyß-Inquart soll die Macht übernommen haben. Wir eilen vom Geschäft in größter Aufregung nach Hause.“

Linz

Adolph Markus lebte mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Linz, Österreich. Einen Monat vor dem „Anschluss“ (der Annexion Österreichs an Nazi-Deutschland am 12. März 1938) begann er, ein Tagebuch zu führen, das auf packende Weise die wachsende Spannung schildert. Die Situation änderte sich von Tag zu Tag, und die Juden konnten nur raten, was als nächstes geschehen würde. Einen Tag vor der Annexion schrieb Markus in sein Tagebuch: „Die Strassen sind merkwürdig ruhig, ‚Ruhe vor dem Sturm‘“.

 

Verfolgen Sie eine 24-Stunden-Rekonstruktion der Machtergreifung des Nationalsozialismus in Österreich online unter www.zeituhr1938.at

Live im Internet vom 11. März 2018, 18:00 Uhr bis 12. März 2018, 18:00 Uhr

 

Jungen wissen, Mädchen bemuttern

Der Preußische Landesverband Jüdischer Gemeinden schenkt geschlechtsspezifisch

„Die Schenkung erfolgt zu den gleichen Bedingungen, wie die der Barmizwah-Geschenke für Knaben: Gemeinden unter 1000 Seelen erhalten das Buch auf Anforderung kostenlos zur Verfügung gestellt“.

Berlin

Auf zahlreiche Bitten hin entschloss sich der 1921 gegründete Preußische Landesverband Jüdischer Gemeinden, parallel zu den Büchern, die an Bar Mitzwa-Jungen verteilt wurden, auch Mädchen Buchgeschenke zukommen zu lassen. Das Lesematerial für Jungen zielte darauf ab, jüdisches Wissen zu vertiefen. Das Buch, das nur den Mädchen angeboten wurde, „Jüdische Mütter“ von Egon Jacobsohn und Leo Hirschwar, reflektiert traditionelle Geschlechterrollen. Bereits im 19. Jahrhundert hatten reformorientierte Gemeinden in Deutschland eine kollektive Konfirmation für Mädchen und Jungen gemeinsam angeboten. Mancherorts war eine individuelle „Einsegnung“ der Mädchen üblich, aber eine moderne Bat Mitzwa-Zeremonie, wie wir sie heute kennen, gab es 1938 nicht.

QUELLE

New Synagogue Berlin – Centrum Judaicum

Memorandum des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden an Mitgliedsgemeinden hinsichtlich der Geschenke für Mädchen anlässlich Konfirmation und Schulabschlusses sowie anlässlich der Bar Mitzvah für Jungen.

CJA, 2 A 2, Nr. 2749

Stimmen in London

Das Zionistische Aktionskomittee berät zur Lage der Juden in Europa

London

„Die Stimme“ galt als das offizielle Organ des zionistischen Landeskomittees für Österreich. In ihrer Ausgabe vom 9. März zitiert sie eine Meldung der „Jewish Telegraphic Agency“ über die Konferenz des Zionistischen Aktionskomittees in London. Während die Spannung in Österreich stieg, standen auf der Tagesordnung der Konferenz andere dringende Angelegenheiten, wie z.B. die Einwanderung nach Palästina und die Veränderung der britischen Haltung zu diesem Thema. Als besonders wichtig wurden Vorschläge eingestuft, in verschiedenen osteuropäischen Staaten den Preis des Schekels zu senken und Koordinationsräte für zionistische Aktivitäten einzurichten.

Familienbande

Eine Bürgschaft vom Onkel

„Sobald ich all diese Angaben von Dir bekomme, stelle ich die erforderlichen Bürgschaften und schicke die Angaben an Dr. Pollak, der ebenfalls seine Bürgschaften schicken wird, so dass Du und Deine Familie kommen könnt.“

New York

Charles Manshel, ein wohlhabender, selbst aus Österreich stammender Geschäftsmann, verspricht seiner Cousine Irene Ehrlich in Baden bei Wien, er werde Bürgschaft für sie und ihre Familie übernehmen, sobald er die erforderlichen persönlichen Daten bekäme. Der Brief zeigt Manshels aufrichtiges Bemühen, seinen Angehörigen nicht nur den Weg zur Einwanderung zu bahnen, sondern auch etwas für die berufliche Integration des Ehemanns seiner Nichte, Dr. Eduard Ehrlich, zu tun. Unbeschadet seines Erfolges später im Leben war Manshel Not nicht fremd: Als Sechzehnjähriger war er durch den Tod des Vaters gezwungen gewesen, zum Ernährer seiner Familie zu werden.

Unentschieden

Hakoah Wien und jüdische Sportkultur

Wien

Das Spiel des Fußballvereins Hakoah Wien gegen den SV Straßenbahn Wien am 7. März endete mit einem 2:2. Die Mannschaft war Teil des berühmten jüdischen Sportvereins Hakoah Wien. Dieser war 1909 infolge der veränderten Einstellung innerhalb des liberalen Judentums zu Körper und Gesundheit gegründet worden. Der hier gezeigte Mitgliedsausweis gehörte einem der führenden Trainer des Vereins, dem Schwimmtrainer Zsigo Wertheimer. Wertheimer trainierte Ruth Langer, eine berühmte, damals fünfzehnjährige Schwimmerin, die es trotz ihres Erfolgs ablehnte, sich 1936 der österreichischen Olympiamannschaft anzuschließen.

QUELLE

Jüdisches Museum Wien

Mitgliedsausweis von Zsigo Wertheimer

Inv. Nr. 16776

Antisemitismus in Österreich

Die Jewish Telegraphic Agency berichtet

Wien

Die „Vaterländische Front“ war 1933 als alleinige Vertretung aller Bürger Österreichs und als Ersatz für die parlamentarische Demokratie ins Leben gerufen worden. Mit ihren starken Verbindungen zur Katholischen Kirche war sie zutiefst antisemitisch. Dennoch waren Juden unter ihren Mitgliedern, und sie verstand sich als Opposition zu den (protestantisch dominierten) Nazis. Als im März 1938 Nazi-Gruppen auf die Straße gingen und stolz das Hakenkreuz zur Schau stellten, berichtet die „Jewish Telegraphic Agency“ auch über eine antisemitische Demonstration an der Wiener Universität, einer Institution, an der seit Jahrhunderten eine anti-jüdische Geisteshaltung grassierte. Am selben Tag berichtet die Nachrichtenagentur über Gegendemonstrationen der „Vaterländische Front“.

Eine gleichgeschlechtliche Beziehung mit einem Juden

Gottfried von Cramm wird auf der Basis von §175 verhaftet

Berlin

Als blonder sportlicher Nachkomme eines niedersächsischen Adelsgeschlechts besaß Gottfried von Cramm alle Merkmale, die bei den Nazis für Propagandazwecke hoch im Kurs standen. Doch der Tennis-Star – er hatte 1934 und 1936 das French Open gewonnen – weigerte sich ausdrücklich, sich als Aushängeschild der Naziideologie benutzen zu lassen und trat nie der NSDAP bei. Nachdem er sich wiederholt Gelegenheiten entzogen hatte, sich bei den Machthabern beliebt zu machen, war es jedoch eine andere Angelegenheit, die ihn in Schwierigkeiten brachte: Am 5. März 1938 wurde von Cramm aufgrund seiner homosexuellen Beziehung zu einem galizischen Juden, dem Schauspieler Manasse Herbst, für ein Vergehen gegen den berüchtigten §175 des deutschen Strafgesetzbuchs festgenommen. Die Nazis hatten den Paragraphen verschärft.

Parochet, tiefblau

Die letzten Tages des Jüdischen Blindeninstituts in Wien

Wien

Diese dunkelblaue Parochet (Torahvorhang) gehört zur Sammlung des Israelitischen Blindeninstituts in Wien. Die Anstalt wurde 1871 mit dem Ziel gegründet, blinden jüdischen Schülern eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Die von ihr vermittelten Berufe reichten von manuellen Tätigkeiten bis hin zum Übersetzen und Dolmetschen. Aufgrund ihres hervorragenden Rufes zog die Schule Schüler nicht nur aus Österreich, sondern fast aus dem gesamten europäischen Ausland an. Am 4. März erlebte die Institution einen ihrer letzten Tage ungestörter Aktivität.

QUELLE

Jüdisches Museum Wien

Parochet

Inv. Nr. 2837

Harold MacMichael

Ein neuer britischer Hochkommissar für Palästina

Palästina

Diese Radierung des deutsch-jüdischen Künstlers Hermann Struck zeigt den fünften britischen Hochkommissar für Palästina, Harold MacMichael, der am 03. März 1938 sein Amt antrat. Zuvor hatte MacMichael verschiedene Posten in Afrika innegehabt. Der Hochkommissar war der höchstrangige Vertreter des Empire in Palästina zur Zeit des Völkerbundmandats. Der Schöpfer des Portraits, Hermann Struck, orthodox und früh dem Zionismus zugewandt, war bereits 1923 nach Palästina ausgewandert und hatte sich in Haifa niedergelassen. Er war besonders für seine meisterhaften Radierungen bekannt. Künstler wie Chagall, Liebermann und Ury hatten sich von ihm in dieser Technik unterweisen lassen.

Verheißung wird wahr

Kurt Weill feiert seinen 38. Geburtstag in New York

New York

Als Jude, Sozialist und Komponist von Musik, die vom Regime als „entartet“ eingestuft wurde, unerwünscht in Nazi-Deutschland, konnte Kurt Weill seinen 38. Geburtstag am 2. März in Sicherheit feiern: Nach Angriffen durch die Nazi-Presse und gezielten Protestaktionen gegen ihn war Weill bereits 1933 nach Frankreich emigriert. Die Proben zur Uraufführung seiner Oper „Der Weg der Verheißung“ (Libretto: Franz Werfel, engl. Version „The Eternal Road“) in New York gaben ihm Gelegenheit, in die USA zu reisen. Aufgrund zahlreicher technischer Probleme musste die Premiere bis 1937 verschoben werden. Weill ergriff die Gelegenheit, in Amerika zu bleiben. Bis 1938 war neben der genannten Oper auch das Musical „Johnny Johnson“ in New York zur Aufführung gelangt.

Uruguay als gelobtes Land

Der Elektriker Wainstein plant die Emigration nach Montevideo

Berlin

Im Frühjahr 1938 traf der Berliner Elektroinstallateur Moses Wainstein Vorbereitungen, um sich dem steten Strom jüdischer Emigranten anzuschließen. Ziel war das ferne Montevideo. Der geplante Reiseweg sollte von Berlin nach Marseille führen, von wo aus er sich nach Südamerika einschiffen wollte. Das nötige französische Transitvisum wurde ihm am 1. März erteilt. Uruguay galt als Land mit starken demokratischen Traditionen, wenig Druck zur Anpassung auf die Neuankömmlinge und guten Aussichten für Handwerker. Jüdische Hilfsorganisationen und Reiseagenturen berieten Emigrationswillige bei der Wahl der neuen Heimat, zur bestmöglichen Route und bei der Beschaffung der notwendigen Papiere.

QUELLE

Deutsches Historisches Museum

Transitbescheinigung der Reederei „Chargeurs Réunis & Sud Atlantique“ für Moses Wainstein zur Durchreise durch Frankeich

Inv. Nr. Do2 89/1008.6

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