Der jüdische Jahreskreis: Kalender und Mahzor im LBI

Mit der hebräischen Wurzel, die für „zurückkehren“, „wiederholen“ steht, wird das Wort „Mahzor“ gebildet. Es bedeutet so viel wie „Kreis“ und bezeichnet das Gebetbuch zu den jüdischen Feiertagen. Die Feiertage sind entsprechend dem lunisolaren Kalender im Rhythmus von Sonn- und Mondzyklen arrangiert. Neben einer Vielfalt an Mahzors bewahrt das Leo Baeck Institut (LBI) in seiner Sammlung eine bunte Palette an jüdischen Kalendern in hebräischer und in deutscher Sprache.

Mit der Drehscheibe des Sefer Ibronot lässt sich der jüdische Kalender berechnen.

Mit der Drehscheibe des Sefer Ibronot lässt sich der jüdische Kalender berechnen.

Die Monate des jüdischen Kalenders – normalerweise 12, im Schaltjahr 13 – berechnen sich nach dem Mond, die Jahreszyklen – normalerweise 354 Tage, im Schaltjahr jedoch 384 Tage – nach der Sonne. Der sogenannte „Sefer Evronot“, eine kalendarische Handreichung, beinhaltet die Informationen und Regeln zur Bestimmung des jüdischen Kalenders. Anstatt Diagrammen und Tabellen nutzt der Sefer Evronot aufeinander liegende Drehscheiben, die wie runde Rechenschieber bei komplizierten Berechnungen helfen. Der „Sefer Ibronot: …la-hashov tekufot u-moladot“ vom deutschen Gelehrten R. Eliezer b. Jacob Bellin Ashkenazi erschien erstmals 1615 in Lublin. 1722 gab Israel ben Moses in Offenbach die Ausgabe heraus, die im Besitz des LBI ist. Das Kapitel „Luach HaChagaoth“ enthält ein Verzeichnis der christlichen Feiertage in Deutschland, Polen und Russland sowie die Daten der Wochen- und Jahrmärkte.

Überhaupt reflektieren die Kalender als Gebrauchsgegenstände, die ihre Nutzer durch den religiösen wie profanen Alltag navigierten, den kulturellen und gesellschaftspolitischen Kontext ihrer Zeit. Einige der Kalender im LBI sind mehr religiösen, andere mehr politischen Charakters und wieder andere sprechen spezifische demografische Gruppen an. Dazu zaehlt unter anderem ein jüdischer Kalender für 1861/1862 mit den astrologischen Sternzeichen, der Kalender des jüdischen Frauenbundes in Breslau, eine Gruppe von zehn Exemplaren des Jisraelitischen Kalenders aus Altona für die Jahre 1881 bis 1893 sowie der Israelitischen Kalender mit Gültigkeit vom 14. September 1939 bis 2. Oktober 1940. Der Jüdische Kulturbund in Deutschland e.V. brachte ihn 1939 noch heraus. Es ist möglich, dass es sich bei dem Kalender um die letzte offzielle jüdische Publikation in Deutschland vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs handelt. Das Heftchen beinhaltet die Tages- und Monatsnamen sowohl in Deutsch als auch Hebräisch und führt die jüdischen und christlichen Feiertage nebeneinander.

Die Rödelheim-Mahzor-Sammlung

Drei Ausgaben des Rödelheim Mahzors aus dem Jahr 1860: Die Ausgabe in der Mitte folgt dem aschkenasischen Ritus, die rechte ist die deutsche Übersetzung nach einem unspezifischen Ritus.

Drei Ausgaben des Rödelheim Mahzors aus dem Jahr 1860: Die Ausgabe in der Mitte folgt dem aschkenasischen Ritus, die rechte ist die deutsche Übersetzung nach einem unspezifischen Ritus.

Die erste vollständige deutsche Übersetzung des liturgischen Feiertagsbuchs, des Mahzors, entstand in Rödelheim. Der jüdische Gelehrte Wolf Heidenheim (1757 – 1832) gestaltete die Entwicklung des Rödelheim Mahzors in den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Der Mahzor war eines der ersten Bücher, die er 1799 in seiner gerade eröffneten Druckerei produzierte. Er wurde zu einem fortlaufenden Projekt für Heidenheim, eines, mit dem er sowohl zum Erhalt wie auch zur Verjüngung der jüdischen Festtagstraditionen beitrug. Im Laufe der Zeit integrierte Heidenheim unterschiedliche Feiertagsriten. Die erste Übersetzung ins Deutsche druckte er mit hebräischen Schriftzeichen. Ab 1838 publizierte die Heidenheimer Druckerei Ausgaben in Hebräisch mit deutscher Übersetzung. Gleichzeitig druckte sie weiterhin Ausgaben in Judäo-Deutsch. Durch die Variationen in Ritus, Sprache und Layout gab es bis zu drei neue Versionen pro Jahr. Das LBI bewahrt 15 Sets von Mahzors, die zwischen 1800 und 1923 in Rödelheim veröffentlicht wurden – 304 Bände in 77 Ausgaben.

 

Ein Kalender mit Sternzeichen fuer das Jahr 1861–62. Der Kalender wurde von der Druckerei Sulzbach in Breslau produziert.

Ein Kalender mit Sternzeichen fuer das Jahr 1861–62. Der Kalender wurde von der Druckerei Sulzbach in Breslau produziert.

 

Der Kalender des Jüdischen Kulturbunds in Deutschland e.V. von 1939. Der Kalender wurde in der Nova-Druckerei in Berlin gedruckt und beinhaltet die Wochentage und Monate in Deutsch wie auch in Hebraeisch. Neben den juedischen Feiertagen sind die christlichen Verzeichnet. Der Kalender gibt den Zeitpunkt des Sonnenuntergangs fuer Mitteleuropa und fuer Sammelpunkte in der juedischen Disapora an, wie Kapstadt und Johannesburg.

Der Kalender des Jüdischen Kulturbunds in Deutschland e.V. von 1939. Der Kalender wurde in der Nova-Druckerei in Berlin gedruckt und beinhaltet die Wochentage und Monate in Deutsch wie auch in Hebraeisch. Neben den juedischen Feiertagen sind die christlichen Verzeichnet. Der Kalender gibt den Zeitpunkt des Sonnenuntergangs fuer Mitteleuropa und fuer Sammelpunkte in der juedischen Disapora an, wie Kapstadt und Johannesburg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Kalender, veroeffentlicht vom Jüdischen Frauenbund in Breslau. Die Herausgeberinnen, Lisbet Cassirer and Hannah Karminski, zeigten Portraitbilder von prominenten Frauen in der juedischen Geschichte zusammen mit feministischen Zitaten.

Ein Kalender, veroeffentlicht vom Jüdischen Frauenbund in Breslau. Die Herausgeberinnen, Lisbet Cassirer and Hannah Karminski, zeigten Portraitbilder von prominenten Frauen der juedischen Geschichte zusammen mit feministischen Zitaten.

Zehn Kalender, veroeffentlicht zwischen 1881 und 1893 von den Gebruedern Bonn. Die Zeit hat den Heftchen "Charakter" verliehen. Eines von ihnen ist mit Naehgarn geflickt worden.

Zehn Kalender, veroeffentlicht zwischen 1881 und 1893 von den Gebruedern Bonn. Die Zeit hat den Heftchen “Charakter” verliehen. Eines von ihnen ist mit Naehgarn geflickt worden.

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