Ein Name aus Schall und Rauch? Dennis Baum und die Geschichte des Familienunternehmens Simson

 

Dieser Kopfbogen zeigt die Ansicht der Simson-Werke um 1920. Aus: „Suhl zum 400-jährigen Stadtjubiläum“

Dieser Kopfbogen zeigt die Ansicht der Simson-Werke um 1920. Aus: „Suhl zum 400-jährigen Stadtjubiläum“

 

Dennis Baum musste nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 jahrelang um die Entschädigung des Familienvermögens kämpfen. Im Januar 2014 nahm Baum zusammen mit seinen ehemaligen Verhandlungspartnern an einer öffentlichen Diskussion im Jüdischen Museum in Berlin teil. Es ging darum, gemeinsam zu reflfektieren, was 20 Jahre zuvor schief gelaufen war. Die Akten der Firma Simson und der Fall ihrer Restitution durch die Treuhandanstalt werden heute in den Archiven des Leo Baeck Instituts (LBI) aufbewahrt.

In Deutschland erinnert der Name „Simson“ vor allem an den ostdeutschen Hersteller des Motorrollers „Schwalbe“. Ihm ging es nicht anders als anderen Marken, wie dem „Trabbi“ und den Halberstädter Würstchen, denen die Lenker der sozialistischen Planwirtschaft zur Allgegenwärtigkeit verhalfen: Die Produkte überzeugten weniger dadurch, dass sie besonders elegant gestaltet, qualitativ hochwertig oder langlebig gewesen wären. Sie überzeugten aufgrund des Mangels an Alternativen. Heute, Jahrzehnte nachdem ihre Produktion eingestellt wurde, werden die „Schwalben“ wieder heiß gehandelt, vor allem unter Ost-Nostalgikern. In den Vereinigten Staaten ruft der Name Simson weniger starke Assoziationen wach. Es sei denn, man spricht mit Sammlern historischer Waffen. Die wissen, dass Simson-Suhl Jagdgewehre mit ihren feinen Gravuren von fliegenden Jagdvögeln und aus dem Gehölz lugenden Hirschen um Vielfaches höhere Preise erzielen als ihre zweirädrigen Cousinen; bis zu 10.000 Dollar zahlen Liebhaber für richtige Machart und Jahr. Für Dennis Baum, einen New Yorker Investment-Manager, seit 2009 Treuhänder des LBI, war Simson zunächst einmal der Mädchenname seiner Großmutter Minna. Sie kam 1936 aus Deutschland in die USA. „In der Familie sprachen wir kaum über das Vermögen, das wir in Deutschland zurückgelassen hatten“, erklärte Baum. „Ich hatte vage in Erinnerung, dass es da eine Firma gab, die einmal Autos produzierte.“ Als Baum im Frühjahr 1990 über ostdeutsche Schlaglochpisten nach Suhl zum ehemaligen Heimatort seiner Familie in Thüringen reiste, begann er zu ahnen, dass sich mehr hinter dem Namen Simson verbarg, als er bis dahin angenommen hatte: „Wir kamen hinter einem Bus zu stehen, an dessen Heck eine Werbeanzeige für einen Roller prangte – eine sogenannte „Simson-Schwalbe“.

Eine Qualitätsmarke – von Waffen bis zu Zweirädern

Baum stellte fest, dass er und seine Angehörigen rechtmäßige Erben zweier jüdischer Brüder sind, die das Familienunternehmen 1856 gegründet hatten. Er erfuhr überdies, dass seine Familie Anspruch erheben könnte – auf rund 500 Grundstücke im Gebiet der ehemaligen DDR, die das Familienvermögen einschlossen. Als Teil der ersten Generation von Juden in Preußen, die Grundstücke besitzen durfte, hatten Moses und Löb Simson in Suhl eine Schmiede erworben. In der Region wurden seit dem 15. Jahrhundert Waffen hergestellt. Als Moses Enkelkinder Arthur und Julius Simson in den frühen 1920er-Jahren das Management der Firma übernahmen,  verfügte diese bereits über die größte Angestelltenzahl in Suhl. Die Firma produzierte eine breite Palette an Waren, Zweirädern, Autos und sogar Flugzeugmotoren. Indem sie in zivile Märkte expandierte, machte die Unternehmerfamilie ihre Firma unabhängig von den Höhen und Tiefen des Waffenmarktes, den Staatsverträge regulierten.

Ein Blick in die Fahrradproduktion um 1920. (Fotosammlung Stadtarchiv Suhl)

Ein Blick in die Fahrradproduktion um 1920. (Fotosammlung Stadtarchiv Suhl)

Die entmilitarisierte Weimarer Republik erteilte Simson & Co. jedoch plötzlich das Exklusivrecht, Waffen für die Reichswehr zu produzieren. Dieses Monopol entpuppte sich als ebenso lukrativ wie riskant, insofern es die Firmengeschäfte an eine schwache Regierung band, noch dazu in politisch unbeständigen Zeiten. Zwar half der Reichswehrvertrag dem Unternehmen durch die Wirtschaftskrise von 1929. Der Firmenerfolg war jedoch Öl auf die Mühlen der antisemitischen Propaganda des „jüdischen Monopols“. Eine Vielzahl an Akteuren hatte Interesse an der Zukunftsfähigkeit des einzigen deutschen Waffenherstellers, aber ein lokaler Funktionär der NSDAP, Fritz Sauckel, startete einen persönlichen Feldzug gegen das Unternehmen. Bereits 1927 hatte Sauckel einen Leitartikel in der Zeitung „Der NationalSozialist“ veröffentlicht, in dem er behauptete, die Firma habe der Reichswehr Kosten in Rechnung gestellt, die eigentlich aus der Zivilproduktion des Unternehmens stammten. Seinen Angriff gegen die Familie gründete Sauckel auf der absurden Prämisse, dass Angestellte Pistolenteile unter ihren Werkbänken versteckt hielten, während sie Zweiräder zusammenbauten. Diese würden die Arbeiter plötzlich austauschen und so Militärinspektoren täuschen.

Dies war die erste einer Reihe an skurrilen Behauptungen, die am 23. November 1935 zum Gestapo-Hauptquartier in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin vordrangen. Im Nervenzentrum des nationalsozialistischen Terrorapparats wurde Arthur Simson gezwungen, einen Vertrag zu unterzeichnen, mit dem er die Firmensteuerung Sauckel übertrug. Der Verkaufsvertrag beinhaltete keine Entschädigung der Simsons; der Wert des Unternehmens wurde durch eine Strafzahlung für Übergewinne ausgewogen, die angeblich aus den Aufträgen für die Reichswehr abgezockt worden waren. Ihres Familienunternehmens entledigt, folgten Arthur und Julius Simson ihren Geschwistern, darunter Dennis Baums Großmutter Minna, in die Vereinigten Staaten.

Der Kampf um Entschädigung

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass die Firma der Simsons den Besitzer wechselte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fielen die Werke in die Hände der sowjetischen Besatzer. Später gingen die Fertigungshallen zurück an die Arbeiter der DDR. Sie bauten dort in ihren vertikal integrierten Kombinaten und volkseigenen Betrieben Motorräder und Jagdgewehre. Ungeachtet der veränderten Produktionsbedingungen stand die Marke „Simson“ nach wie vor für Qualität. In den 1970er-Jahren gab Arthur Simson den ostdeutschen Nachfolgeunternehmen per Telefon die Erlaubnis, den Markennamen „Simson“ weiter zu führen. „Ich denke, das war eine der klügsten Entscheidungen überhaupt, die Arthur Simson getroffen hat“, sagte Baum. „Er ahnte, dass der Familienname als Firmenname den Anspruch der Familie auf das Unternehmen bekräftigen würde.“

(aus: „Die Simson-Legende“ von Siegfried Schütt, erschienen 2006 im Druckmedienzentrum Gotha.)

Ein Krankenwagen des Modells Simson-Supra, aus: „Die Simson-Legende“ von Siegfried Schütt, erschienen 2006 im Druckmedienzentrum Gotha.

Nach der deutschen Wiedervereinigung ging die Firma an die Treuhandanstalt, deren Aufgabe es war, die gesamte Wirtschaft der ehemaligen DDR zu privatisieren. Dazu brach die Treuhand die riesigen sozialistischen Konglomerate auf und verkaufte sie an Privatinvestoren. Vor ihrem Verkauf mussten allerdings mögliche Ansprüche auf Reparationszahlungen und auf anderweitige Entschädigungen geklärt werden, die enteignete Besitzer erheben könnten – eine Mammutaufgabe auch im Fall des Simson-Unternehmens. „Jeder Vermögensteil war eine Geschichte für sich“, erläuterte Baum. „Wir reden hier von Villen, Siedlungen und sogar einem Schrebergarten.“

Baum achtete darauf, dass die Familie im Verhandlungsprozess von Hunderten von Vermögenswerten fair blieb, insbesondere da es sich bei vielen der Grundstücke um Hof und Heim von Privatleuten handelte. Ein Fall zeigte sich jedoch als eine Geschäftsmöglichkeit. Die Simsons waren überzeugt, dass die Suhler Jagd- und Sportwaffen GmbH eine Marke darstellte, mit der die Familie etwas anfangen konnte. Die Firma hatte die Präzisionswaffen produziert, mit denen die ostdeutschen Biathleten mehrfach olympisches Gold geholt hatten. Die Simson-Erben stellten eine Arbeitsgruppe zusammen – mit dabei J. Thompson Ruger, Nachkomme der führenden Familie amerikanischer Waffenschmiede, – die der neuen Firma mit einer Marketingkampagne frischen Schwung geben sollte. Der Fokus der Kampagne lag auf den früheren olympischen Erfolgen des Unternehmens. „Toms persönliche Stärke war das Marketing“, erinnerte sich Baum. „Er war so etwas wie der Prototyp eines Mannes – einer, der mit all den Kunden jagen und schießen ging.“ Die Kunden arbeiteten für einige der größten Einzelhändler in den USA – landesweite Ladenketten wie Kmart, Walmart, und Sears. Die Simson-Erben initiierten ein Joint Venture mit dem Unternehmen „Sturm-Ruger“. Sie würden die Reparationszahlungen für das erloschene Mopedgeschäft einbringen, um das Jagdgeschäft zu erwerben und wieder aufzubauen. Außerdem würden sie die Scheuklappen der amerikanischen Jagdhochburgen dem (ost-)deutschen Ingenieurwesen öffnen.

Die Simson-Werke auf einer Postkarte um 1920. (Postkartensammlung Stadtarchiv Suhl)

Die Simson-Werke auf einer Postkarte um 1920. (Postkartensammlung Stadtarchiv Suhl)

Die Erben der jüdischen Familie, die eines der größten Geschäfte in Thüringen aufgebaut hatte, waren bereit für die symbolische Rückkehr an ihren Heimatort: Nach Jahrzehnten würden sie, nun im wiedervereinigten Deutschland, die gleichen Produkte herstellen, die über Jahrhunderte hinweg die regionale Wirtschaft angetrieben hatten. Ihr Plan war, einer traditionellen Industrie in einem der neuen Bundesländer die nötige Spritze an Expertise und unternehmerischem Elan zu geben zu einem Zeitpunkt, an dem die ehemaligen Märkte Thüringens im Sowjetblock zusammenbrachen. Doch stattdessen wurden die Simson-Erben von der Versteigerung 1992 ausgeschlossen. Für 27 Millionen Mark erhielt ein niederländisch-französisches Konsortium den Zuschlag für die JuS GmbH. Der Investmentfond sollte sich jedoch nicht materialisieren: Die JuS GmbH wurde innerhalb eines Jahres insolvent. Heute arbeitet nur noch eine geringe Anzahl an Waffenschmieden in Suhl. Die Simson-Erben erhielten eine finanzielle Entschädigung für ihr Vermögen. Dass sie emotional in eine Rückkehr zu ihren deutschen Wurzeln investiert hatten, konnte jedoch niemals Früchte tragen.

Eine Diskussion – zwanzig Jahre danach

„Wir privatisierten damals tausende von Firmen innerhalb von vier Jahren. Eine professionelle Investmentbank würde davon normalerweise zwei oder drei pro Jahr abwickeln“, erklärte Detlev Scheunert am 23. Januar 2014 im Jüdischen Museum in Berlin. Als jüngster Abteilungsleiter der Treuhandanstalt und als einziger aus der ehemaligen DDR hatte Scheunert in den frühen 1990er-Jahren Baum sowie den Anwälten der Familie Simson am Verhandlungstisch gegenüber gesessen. Zwanzig Jahre später saß er wieder an einem Tisch mit Dennis Baum und anderen Schlüsselfiguren im Fall Simson. Diesmal trafen sie sich im Jüdischen Museum in Berlin – in einem ebenso ausgesprochen offenen wie öffentlichen Forum, um ihre jeweilige Sicht der Dinge auszutauschen.

Unten: Julius und Arthur Simson, aus: „Die Simson-Legende“ von Siegfried Schütt, erschienen 2006 im Druckmedienzentrum Gotha.

Unten: Julius und Arthur Simson, aus: „Die Simson-Legende“ von Siegfried Schütt, erschienen 2006 im Druckmedienzentrum Gotha.

Scheunert beschrieb, wie politische Faktoren zu einem engen Zeitplan für die Treuhand führten, der wenig Raum ließ, um angemessen mit dem rechtlich, ethisch und emotional komplexen Thema der Entschädigung umzugehen. Die Verbündeten wie Frankreich und das Vereinigte Königreich konnten für den komplizierten Vereinigungsprozess Deutschlands nur begrenzt Geduld aufbringen. Außerdem mussten die Bedenken der westdeutschen Steuerzahler aus dem Weg geräumt werden. „Kohl hatte die Wahlkämpfe im Kopf“, erinnerte Scheunert. „1990 und 1994 gab es Wahlen. Die diktierten unseren Zeitplan.“ Als deutlich wurde, dass „Privatisierung“ typischerweise geschlossene Firmen und verloren gegangene Jobs bedeutet, verlor die Treuhand im Osten spürbar an Ansehen. Als einer der wenigen Ostdeutschen in einer Institution, die als Abrissfirma der ostdeutschen Wirtschaft gesehen wurde, zahlte Scheuner sozial einen hohen Preis: „Es war nicht lustig, zur Arbeit zu kommen und zuzusehen, wie Arbeiter dein Auto demolieren.“ Auf die Frage, ob er heute anders handeln würde, verwies Scheunert auf den Mangel an Spielraum durch den präzise abgesteckten Auftrag der Treuhand: „Es war äußerst schwierig, den Fall Simson durch das enge Nadelöhr zu fädeln, das da hieß „Privatisierung durch die Treuhand“. Aufgrund dessen fanden die unternehmerischen und persönlichen Wurzeln der Familie in der Region keine Berücksichtigung in der Beurteilung ihres Gebots. „Es gab sehr klare Kriterien“, betonte Scheunert. „Unser Fragebogen umfasste 70 Fragen und erforderte elf Unterschriften.“

Herbert Warth, ein deutscher Berater, der von den Simson-Erben beauftragt worden war, Recherchen durchzuführen und später ihr Geschäftspartner wurde, wandte ein, dass die Kriterien zwar klar, aber nicht korrekt waren: „Es wäre die Aufgabe der Treuhand gewesen, Arbeitsplätze zu sichern. Die entscheidende Frage wäre daher gewesen, wer es schaffen würde, die erforderliche riesige Menge an Waffen zu verkaufen.“ Vielleicht hätten die Mitbewerber mehr Barkapital bieten können, aber sie seien nicht in der Lage gewesen, das Geschäft erfolgreich zu führen.

Ein Grund, weshalb die Sachlage des Falls nie endgültig geklärt werden konnte und so auch nach 20 Jahren noch lebhaft debattiert wird, sind die versiegelten Dokumente der Treuhandanstalt. „Meine Präsentation war etwas einseitig, da mir nur die Simson-Seite ihre Dokumente zur Verfügung gestellt hat“, berichtete Ulrike Schulz, Geschichtswissenschaftlerin an der Humboldt-Universität zu Berlin, die 2013 die Unternehmensgeschichte der Simsons aufarbeitete. „Historiker werden einen mühsamen Weg vor sich haben, wenn sie ein vollständiges Bild dieses Kapitels der deutschen Geschichte nachzeichnen wollen.“ Die Unterlagen der Treuhand werden vor 2050 nicht in ihrer Gänze zugänglich gemacht werden. Das LBI archiviert allerdings die vollständige Dokumentation, die von Herbert Warths Team erstellt wurde. Zusammen mit Diskussionen wie der im Jüdischen Museum in Berlin werden die Dokumente diese Geschichte – die der deutschen Juden, der deutschen Wiedervereinigung und der Entschädigung sowie die Unzahl der Wege, in denen diese sich kreuzten – um vieles reicher. Und, wie Ulrike Schulz hoffnungsvoll bemerkte, die Simson-Geschichte ist nicht notwendigerweise vorbei. Eines der Zugeständnisse, das die Treuhand der Familie der Simsons machte, ist das Recht am Markennamen „Simson“. „Sollte also ein Investor eines Tages in Suhl die Mopedmanufaktur unter dem Namen „Simson“ wieder aufleben lassen wollen, kann er Dennis Baum dafür um Erlaubnis bitten.“

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