„We have wandered together a long, long way“: Die Hans und Eleonore Jonas-Sammlung

Im Sommer 2016 übergab Ayala Jonas, Tochter des in Mönchengladbach geborenen Philosophen Hans Jonas, dem Leo Baeck Institut (LBI) einen Teil des Familiennachlasses ihrer Eltern. Das Material macht das LBI der Öffentlichkeit in Form einer Buchsammlung und einer Archivsammlung zugänglich. Letztere ist über die Website des LBI digital abrufbar und enthält unter anderem frühe bisher unveröffentlichte Manuskripte, Gedichte und Zeichnungen von Hans Jonas sowie Materialien zur Familien- und Freundesgeschichte.

„Jugend sei, sich hinzugeben an den Augenblick? –
Nein! In sich fühlen alles zukünftige Geschick!
Allen Lauf der ungeborenen Tage
Heilig, zukunftsschwanger in sich tragen!“

— Erste Strophe aus „Antwort“ von Hans Jonas, 1920

Wer durch die neue Archivsammlung blättert, darf sich auf Einblicke in die Themen und Sprache eines jungen Hans Jonas freuen. Stürmisch, drängend und, wie er selbst sagt, zukunftsschwanger, schrieb der Siebzehnjährige Gedichte („Fieberlied“, „An Gott“, „Gebet des Amos“), skizzierte Porträtzeichnungen und verfasste Vorträge („Synthetik und Analytik im Judentum“ – Vortrag im Jüdischen Jugendverein Mönchengladbach, 1920).

Manuskript des Vortrags „Synthetik und Analytik im Judentum“, den Jonas 1920 im Jüdischen Jugendverein Mönchengladbach hielt.

Manuskript des Vortrags „Synthetik und Analytik im Judentum“, den Jonas 1920 im Jüdischen Jugendverein Mönchengladbach hielt.

Die Manuskripte, seit September vollständig digitalisiert und online abrufbar, lassen eine Schaffenskraft erahnen, die das 89-jährige Leben des Philosophen zu einem außerordentlich produktiven machen würde. Jonas studierte Philosophie, Theologie, Jüdische Studien und Kunstgeschichte in Freiburg, Heidelberg, Berlin und Marburg. Seine wohl prägendsten Lehrer waren Bultmann und Heidegger, bei dem er zur Gnosis promovierte – Grundlage für Jonas Buch „Gnosis und Spätantiker Geist“. Jonas schlug eine Hochschullaufbahn ein und arbeitete nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten als Professor in Montreal, Kanada und New York. In den 1950er- und 1960er-Jahren veröffentlichte er weitere Werke zur Gnosis. Später arbeitete er zum Verhältnis von Philosophie und Biologie. 1979 veröffentlichte er mit „Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ seine Verantwortungsethik. 1981 zählte seine Publikationsliste über siebzig Titel in deutscher und englischer Sprache.

Die Archivsammlung besteht aus sechs Reihen. Eine von ihnen beinhaltet Schriften mit Bezug zu seinem beruflichen Wirken als Philosoph und Autor. Dazu gehören einige Notizen und Entwürfe seiner Arbeiten, insbesondere seines Konzepts der Gnosis sowie deren Anschauungen und Ursprünge.

Sichtbarer als der rote Faden seines akademischen Wirkens, der die Sammlung durchläuft, ist jedoch der der Ehe von Eleonore Weiner und Hans Jonas. Sie schlägt die Brücke zwischen den Familien Jonas und Weiner und bringt die Kinder John, Ayalah und Gabrielle ins Leben. Dementsprechend dokumentieren die Reihen eins bis drei der Archivsammlung vor allem Aspekte des privaten Lebens von Familienangehörigen, von Fotos aus den Jugendjahren über familiäre Korrespondenz und Stammbäume bis hin zu Zeitungsausschnitten, Nachrufen und Memoiren. In einem Schreiben erinnert Eleonore, wie sie sich in Jerusalem in Hans verliebte:

„Here, he now sat opposite me in my room. And, suddenly, in the middle of the meal, he held an olive high, and started what seemed to me a hymn to the olive tree. (…) I have not his power of speech, so I cannot reproduce adequately his words, but I was entranced, and stayed entranced, for the next fifty years. Even now, seven years after my husband’s death, the spell is not quite broken.“

Die Archivsammlung enthält eine Reihe von Porträtzeichnungen von Hans Jonas, wie dieses undatierte Selbstporträt.

Die Archivsammlung enthält eine Reihe von Porträtzeichnungen von Hans Jonas, wie dieses undatierte Selbstporträt.

Die Ehe von Eleonore und Hans war eine, die zahlreichen Freundschaften Raum gewährte. Einen besonderen Platz im Leben der Jonas hatte ihre Freundschaft zu Hannah Arendt. Jonas und sie studierten bei Heidegger in Marburg, besuchten gemeinsam ein Seminar bei Rudolph Bultmann und freundeten sich an.

Eleonore hält auch ihre Erinnerungen an Hannah Arendt fest:

„I was, of course, slightly intimidated by Hannah’s powerful intellect, but she was very kind to me. To Hans she said, “Oh Hans, you are so lucky to find Lore”. Of course, I was pleased of that. (…) She had refused to emigrate with him to Palestine, where he went in 1935. It was a great hurt and loss to Hans and I had, when we first met, to fight against her shadow.”

Als Hannah unerwartet an einem Herzinfarkt stirbt, eilt Eleonore mit Hans zu Hannahs Wohnung im Riverside Drive in New York:

„We stood around, not quite comprehending what had happened. Hannah was only 69 years old. The police sealed her apartment and we felt the seal also on an important and rich part of our lives.”

Hans Jonas hält eine Trauerrede auf Hannahs Beerdigung am 08. Dezember 1975 in New York:

„It is difficult to picture, for the remainder of my days, a world without Hannah Arendt. Her presence in it made a difference which one experienced ever anew“.

Im Mai 1988 verfasst Hans ein Gedicht mit dem Titel „Vows“. Seine Tochter Ayalah erhält eine Kopie mit dem handschriftlichen Vermerk: „As always, from Hans to Lore, but this one to be shared with our children.“

“We have wandered together a long, long way.

I am nearing the end and count my days.

And look back on my course with its crests and its troughs.

Through waters uncharted, but beaconed by vows.

To cherish and love you, as I vowed to do,

Never needed vow‘s bidding, only you being you.

Who turned vow into wooing, a knight-errant’s quest,

Each fulfillment the keener for longing‘s unrest.”

— Strophen 1 und 2 aus „Vows“ von Hans Jonas, 1988

Gedichte und Prosa aus den Jahren 1919 und 1920

Gedichte und Prosa aus den Jahren 1919 und 1920

Ein Interview mit Hans Jonas im MP3-Format, ein Manuskript von Jonas über Husserl und Heidegger, einige Zeitungsausschnitte und Bücher waren zu Hans Jonas bereits im LBI archiviert. Hinzu kommt als zweiter Teil der neuen Schenkung eine Bibliothekssammlung von rund einhundert Büchern aus der privaten Sammlung von Hans und Eleonore Jonas, die ihre Tochter Ayalah aufbewahrt hat. Viele dieser Bücher waren für den innerfamiliären und persönlichen Gebrauch bestimmt, wie die, die Hans Jonas seiner Tochter gewidmet und geschenkt hat. Weitere zehn Bücher waren Geschenke von Hannah Arendt an Hans Jonas. Die Bücher tragen seine handschriftlichen Bemerkungen am Buchrand oder auf hineingelegten Blättern.

Zusammen mit der Schenkung der Bücher und des Archivmaterials, das das LBI für die Öffentlichkeit aufarbeitet und dauerhaft erhält, hat Ayalah Jonas dem LBI den „Hans und Eleonore Jonas Book Fund“ gestiftet, um das Erbe ihrer Eltern lebendig zu halten. Der Fonds erlaubt der LBI-Bibliothek, jährlich Neuerscheinungen zu erwerben. Die Bücher, schwerpunktmäßig philosophischen und soziologischen Inhalts, werden anhand von Exlibris an Hans und Eleonore Jonas erinnern.

Das Philosophische Archiv der Universität Konstanz bewahrt den akademischen Nachlass von Hans Jonas, auf dessen Grundlage das Hans-Jonas-Zentrum Berlin an einer kritischen Gesamtausgabe seiner Werke arbeitet. Die Hans und Eleonore Jonas-Sammlung des LBI legt nun den familiären und beziehungsreichen Kontext von Hans Jonas Schaffen offen.

 

Weiterfuehrende Links:

www.lbi.org/jonas-buecher (Buecher aus der Bibliothek von Hans und Eleonore Jonas)

www.lbi.org/jonas-archiv (Die Hans und Eleonore Jonas-Sammlung)

 

 

 

 

Sorry, comments are closed for this post.