Erinnerungsarbeit anerkennen: Der Obermayer–Preis

Einmal im Jahr zeichnet die Obermayer Foundation mit Sitz in Boston fünf Einzelpersonen in Deutschland aus, die sich in besonderer Weise dafür einsetzen, die Erinnerung an das facettenreiche Erbe deutsch-jüdischen Lebens wachzuhalten. Geschaffen von Philanthrop Arthur Obermayer (1931-2016), werden die „Obermayer German-Jewish History Awards“ unter anderem vom Leo Baeck Institut (LBI) unterstützt.

Schuldirektorin Christa Niclasen und die damalige Schülervertreterin Lilly sprechen 2012 anlässlich der Feierstunde auf dem Schulhof der Löcknitz-Grundschule in Berlin. Im Hintergrund steht die Mauer, die Schülerinnen und Schüler aus Gedenksteinen errichtet haben.

Schuldirektorin Christa Niclasen und die damalige Schülervertreterin Lilly sprechen 2012 anlässlich der Feierstunde auf dem Schulhof der Löcknitz-Grundschule in Berlin. Im Hintergrund steht die Mauer, die Schülerinnen und Schüler aus Gedenksteinen errichtet haben.

Löcknitz-Grundschule in Berlin im Jahr 1994: Die Schülerinnen und Schüler der sechsten Klassen lernen über den Nationalsozialismus. Sie erfahren, dass in dem Stadtviertel, in dem ihre Schule steht, bis in die 1930er-Jahre hinein viele Jüdinnen und Juden lebten. „Jüdische Schweiz“ habe man das Viertel, das heute „Bayerisches Viertel“ heißt, früher auch genannt. Die Kinder lernen, wie Unmut gegenüber den Juden geschürt wurde, wie sich dieser Unmut in Hass steigerte und 1938 in menschenverachtenden Gesetzen Ausdruck fand. In der Schulchronik lesen sie den Eintrag vom 10. November: Alle jüdischen Kinder wurden 1938 mit sofortiger Wirkung von der Schule entlassen. 1994 möchte Lehrerin Christa Niclasen mit ihren Schülern ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen setzen. Zum Ende der Unterrichtsreihe wählt jeder Schüler aus einem Verzeichnis des Kunstamtes den Namen eines Juden, der in der Nähe der Schule gelebt hat. Jedes Kind recherchiert die Lebensgeschichte, die hinter dem Namen steht und was mit dem Juden nach 1938 geschah. Namen, Lebensdaten und, falls darüber Informationen zu fi nden sind, den Verbleib der jeweiligen Person, schreiben die Kinder auf Mauersteine. Die legen sie, wie sie es nennen, als „Denk-Mal“ auf ihrem Schulhof nieder.

Damals konnte niemand ahnen, welche Dynamik dieses Projekt in der Schülerschaft entfalten würde. Was als Lehrerinitiative im Geschichtsunterricht begann, hat sich zu einem schülergesteuerten Projekt entwickelt, das in andere Fächer übergreift: Schüler informieren einander über die antisemitischen Gesetze, die in den 1930er-Jahren erlassen wurden; sie besuchen Museen, errechnen den Grundriss der Synagoge, die einmal auf dem Schulhof stand und 1956 abgerissen wurde; sie sehen Filme, lesen Ganzschriften und laden Zeitzeugen ein. Einige der Redner hatten die Grundschule in den 1930er-Jahren besucht. Die Schüler von heute hören zu und stellen Fragen. Bis heute haben mehr als zwanzig Generationen von sechsten Klassen Biografien aus der „Jüdischen Schweiz“ recherchiert und auf Backsteine geschrieben. Die sind mittlerweile zu einer sichtbaren Mauer gegen das Vergessen angewachsen. Im Juni 2012 haben die Schüler den eintausendsten Stein niedergelegt.

Wenige Monate zuvor hatte die Obermayer Foundation Christa Niclasen zusammen mit vier weiteren Personen für ihr jahrelanges Engagement ausgezeichnet. Zur Preisverleihung, die jeden Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust im Berliner Abgeordnetenhaus stattfindet, war auch Arthur Obermayer angereist, der den Preis im Jahr 2000 ins Leben gerufen hatte. Obermayer berichtete von seinem persönlichen Bezug zum jüdischen Leben in Deutschland: „Alle vier meiner Großeltern sind im 19. Jahrhundert in Deutschland geboren worden. In meiner Generation verfügt niemand mehr über Deutschkenntnisse, aber ich halte an einigen Aspekten meines deutschen Erbes fest. Der Ring an meinem Finger, beispielsweise, trägt die deutsche Inschrift „Gott schütze dich“. Mein Vater hatte mir den Ring zu meiner Bar Mitzwa geschenkt.“

2012 besuchte Arthur Obermayer (l.) die Löcknitz-Grundschule in Berlin. Zur Feierstunde kam auch Rabbi Walter Rothschild (r.). Im Hintergrund steht die Mauer, die Schülerinnen und Schüler aus Gedenksteinen errichtet haben.

2012 besuchte Arthur Obermayer (l.) die Löcknitz-Grundschule in Berlin. Zur Feierstunde kam auch Rabbi Walter Rothschild (r.). Im Hintergrund steht die Mauer, die Schülerinnen und Schüler aus Gedenksteinen errichtet haben.

Obermayer hatte sich in Deutschland auf genealogische Spurensuche seiner familiären Wurzeln begeben. Dabei haben ihm viele nicht-jüdische Deutsche geholfen. Als er von den zahlreichen Initiativen erfuhr, mit denen einige Deutsche an das einstige jüdische Leben in ihren Heimatorten erinnern, wuchs die Motivation, dieses Engagement zu honorieren. Viele derjenigen, die diese Erinnerungsarbeit ehrenamtlich leisten, seien dabei auf sich gestellt, erklärte Obermayer in einem Interview mit dem Bostoner Radiosender WBUR wenige Wochen vor seinem Tod: „Sie tun das nicht, um Anerkennung zu finden. Sie tun es, weil sie es für richtig halten. […] Es ist wichtig, dass ihre Freunde, ihre Familien, ihre Nachbarn, Gemeinden, ihr Land und die Welt anerkennen, was diese Menschen leisten.“

Die 67 bisherigen Preisträger, von Richtern, über Journalisten, Dachdeckern bis hin zu Filmemachern, haben – jeweils in ihrer Freizeit – Projekte realisiert, die so vielfältig sind wie die deutsch-jüdische Geschichte selbst. Mit Ausstellungen, Filmen, Websites, Restaurationen von Synagogen und anhand von Kunstwerken erinnern sie daran, dass die Erfahrung jüdischen Lebens in Deutschland jahrhundertealt ist und heute weiterlebt. Lars Menk (2007) wurde für sein 800 Seiten starkes Verzeichnis geehrt, das die etymologischen und geografischen Wurzeln von mehr als 13.000 deutsch-jüdischen Nachnamen angibt. Sibylle Tiedemann (2011) produzierte einen Dokumentarfilm, der Interviews zeigt mit jüdischen und nicht-jüdischen ehemaligen Klassenkameraden von 1936, die sich an ihre Schulzeit während des Nationalsozialismus erinnern. Nils Busch Petersen (2016), Gründer und Vorstandsmitglied des Vereins der Freunde und Förderer des Synagogal-Ensembles Berlin e.V., pflegt die musikalische Tradition des jüdischen Komponisten Louis Lewandowski. Um das Werk des Reformators jüdischer Liturgie im 19. Jahrhundert wieder bekannter und ganz neu erfahrbar zu machen, rief Busch-Petersen das Louis Lewandowski Festival ins Leben.

Seit einigen Jahren unterstützt das LBI die Obermayer Awards personell. Frank Mecklenburg, Forschungsleiter, und Karen Franklin, Leiterin der Familienforschung, sind zwei von sieben Juroren, die die Preisträger aus den eingesendeten Vorschlägen auswählen. Die Frist, neue Preisträger vorzuschlagen, liegt in der Regel im September. Die nächste Preisverleihung findet am 23. Januar 2017 statt.

 

Website der Obermayer Foundation:

www.obermayer.us/award

 

 

 

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