Der Freimann-Katalog: Rekonstruktion einer verlorenen Sammlung

Im August erreichte das Leo Baeck Institut (LBI) eine freudige Nachricht aus der Bibliothek der Johann Wolfgang Goethe- Universität Frankfurt: Das Team um Rachel Heuberger, Leiterin der Hebraica- und Judaica-Abteilung, hatte der digitalen Freimann-Sammlung den zehntausendsten Buchtitel hinzugefügt. Die Universitätsbibliothek Frankfurt und das LBI arbeiten seit mehreren Jahren daran, die einzigartige Sammlung von Judaica virtuell zu rekonstruieren.

Es rief nach einer transatlantischen Kooperation, als das LBI eine substanzielle Anzahl der bis dato nicht mehr erhaltenen Buchtitel der Freimann-Sammlung in seinen Beständen nachweisen konnte. Benannt ist die Sammlung nach Aron Freimann. Der Frankfurter Bibliothekar und Historiker hatte 1932 einen Katalog mit über 15.000 Büchern veröffentlicht, die er seit 1898 erworben und bibliografisch beschrieben hatte. Die Sammlung beinhaltet umfangreiche Literaturbestände zur Wissenschaft des Judentums. Die intellektuelle Strömung ging im 19. Jahrhundert von Deutschland aus. Sie nahm das Judentum erstmals als kulturelles und philosophisches Phänomen wahr und erforschte es entsprechend. Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Freimann-Sammlung die größte und bedeutendste Zusammenstellung an Judaica in Europa. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen hatten, kündigten sie Freimann. Er emigrierte nach New York. Die Sammlung, an deren Erhalt die Nationalsozialisten zum Aufbau des „Institutes zur Erforschung der Judenfrage“ unter Leitung des Parteiideologen Alfred Rosenberg interessiert gewesen waren, lagerten sie während des Krieges aus. Sie ist zum größten Teil erhalten geblieben. Gemeinsam mit ihren Mitarbeitern identifizierte Renate Evers, Leiterin der LBI-Bibliothek, von 2009 bis 2011 über 1000 Titel der Freimann-Sammlung im Bestand des LBI. Jüdische Immigranten, häufig Akademiker und Intellektuelle, brachten den Großteil auf ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten mit und spendeten die Bücher später dem LBI. Andere Exemplare reisten mit Sammlern oder wurden antiquarisch erworben. Zwar sind die Exemplare, die im Besitz des LBI sind, nicht die, die ursprünglich in Frankfurt standen. Gleichwohl ergab sich durch den Bücherfund erstmals die Chance, die Freimann-Sammlung wieder komplett erlebbar zu machen.

Mitarbeiter des LBI und des CJH die an der Rekonstruktion der Freimann-Sammlung mitgewirkt haben. Von links nach rechts: Ilya Slavutskiy, Renate Evers, Rachel Miller, Laura Leone, Moriah Amit, Lauren Paustian, Tracey Felder, Tim Conley, Eric Fritzler, Leanora Lange, Erica Magrey, Jennifer Rodewald. Nicht im Bild: Ginger Barna, Albina Leibman-Klix, Shayna Marchese, Satoshi Tsuchiyama, Gloria Machnowski. Beck hält eine Ausgabe des ursprünglichen Katalogs, den Aron Freimann 1932 herausgab.

Mitarbeiter des LBI und des CJH die an der Rekonstruktion der Freimann-Sammlung mitgewirkt haben. Von links nach rechts: Ilya Slavutskiy, Renate Evers, Rachel Miller, Laura Leone, Moriah Amit, Lauren Paustian, Tracey Felder, Tim Conley, Eric Fritzler, Leanora Lange, Erica Magrey, Jennifer Rodewald. Nicht im Bild: Ginger Barna, Albina Leibman-Klix, Shayna Marchese, Satoshi Tsuchiyama, Gloria Machnowski. Beck hält eine Ausgabe des ursprünglichen Katalogs, den Aron Freimann 1932 herausgab.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat seit Jahren die Digitalisierung und virtuelle Rekonstruktion der Freimann- Sammlung in Frankfurt gefördert. 2011 erhielt die LBI-Bibliothek gemeinsam mit der Judaica-Sammlung der Universität Frankfurt eine bedeutende Zuwendung: Das National Endowment for the Humanities, eine staatliche Stiftung der USA, und die Deutsche Forschungsgemeinschaft stellten gemeinsam 180.000 Dollar zur Verfügung, um etwa 1000 Bücher des LBI, 167.820 Seiten insgesamt, digitalisieren zu lassen und der digitalen Sammlung in Frankfurt hinzuzufügen. 2014 hat das LBI das Hauptprojekt gemeinsam mit seiner Dachorganisation, dem Center for Jewish History (CJH), abgeschlossen. Weitere 140 Bände konnten mit Unterstützung der Claims Conference bis Mitte 2016 digitalisiert und in das Freimann-Portal eingespielt werden. Die Kooperation zwischen den drei Institutionen hat beispielhafte Abläufe für einen umfangreichen Digitalisierungsprozess geschaffen und kann als Modell für internationale Digitalisierungsprojekte dienen. Die Digitalisierung und Rekonstruktion der Buchsammlung ermöglicht es Forschern, die Werke in ihrem historisch-intellektuellen Horizont zu betrachten.

Weiterfuehrende Links:

sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann (Die Freimann-Sammlung)

www.lbi.org/freimann (Projektbeschreibung)

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