Bewahren, was vergehen sollte: Die Digitalisierung von Zeitschriften im LBI

Gebundene Zeitschriften im Magazin des LBI warten darauf, digitalisiert zu werden.

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern? Die journalistische Binsenweisheit erscheint im Leo Baeck Institut in neuem Licht. Viele der archivierten Zeitschriften hier sind nicht nur Tage oder Dekaden, sondern Jahrhunderte alt. Und tatsaechlich geht die Zeit mit keinem anderen Posten in der Archivwelt so gnadenlos um wie mit den Zeitungen. Das macht ihre Digitalisierung ebenso dringlich wie delikat.

130 Titel hat das LBI in den vergangenen Jahren bereits digitalisiert. Fuer 2017 hat es sich die Archivmitarbeiterschaft des LBI zum Ziel gesetzt, 60 seltene Zeitschriftenreihen mit einem Umfang von mehr als 70.000 Seiten zu digitalisieren. Die LBI-Sammlung umfasst insgesamt 1600 Zeitschriftenreihen, bestehend aus rund 4000 Baenden. 700 Zeitschriften sind im Magazin archiviert, der Rest auf Mikrofilmen gespeichert. Neben einigen aktuellen Zeitungen, die das LBI bezieht, gibt es zahlreiche historische Ausgaben. Die aeltesten unter ihnen sind ueber 200 Jahre alt. 19 Reihen davon hat das Projektteam in diesem Jahr bereits digitalisiert und online zugaenglich gemacht.

Aus dem LBI-Bestand an Periodika muss das Projektteam um Renate Evers, Director of Collections und Tracey Felder, Associate Librarian for Cataloging and Periodicals, eine Auswahl treffen, die auch die Prioritaeten des Projektpartners, der Universitaetsbibliothek Frankfurt am Main, beruecksichtigt. Grundsaetzlich ist entscheidend, ob die Zeitschriften bereits anderswo digital verfuegbar sind. Sind sie es nicht, kommt eine Reihe anderer Kriterien ins Spiel: Wie ist die Qualitaet des Papiers? Wie gut ist das Papier erhalten? Welchen Umfang hat die archivierte Zeitschriftenreihe?

Die fragilen Zeitschriften werden durch massgeschneiderte Papphuellen geschuetzt.

Ist die Digitalisierung hinsichtlich der Seitenzahlen, aber auch des Aufwands, den die Erhaltung der jeweiligen Reihe erfordert, machbar, wandern die Zeitschriften vom Magazin im 12. Stock des Zentrums fuer Juedische Geschichte in die Kellerraeume des Gebaeudes. Die Zeitschriften, die so ins Shelby White & Leon Levy Archival Processing Laboratory gelangen, inspiziert Archivarin Sarah Glover ganz genau. Die Projektkoordinatorin notiert alles, was in irgendeiner Weise ungewoehnlich erscheint, wie der Namenswechsel einer Zeitschriftenreihe, abgerissene Ecken oder fehlende Seiten. Forscherinnen und andere Nutzer des Online-Archivs sollen sich spaeter am Computer zu Hause ein moeglichst genaues Bild von den im LBI vorliegenden Zeitschrift machen koennen. Stempel beispielsweise, koennen wichtige Hinweise auf die Herkunft einer Zeitung geben und Informationen ueber fehlende Seiten sind der erste Schritt zu einer Vervollstaendigung der Zeitschrift, die gelegentlich mit Hilfe von digitalen Ergaenzungen nachtraeglich noch erreicht wird.

Der Zustand der Zeitungen variiert, wenn sie im LBI ankommen. Zarthaeuter wie Periodika werden nach Jahrzehnten und Jahrhunderten selbst unter den besten Bedingungen gelb und bruechig. Die Knickfalten sind die Achillesfersen der Blaetter. Durch die vermehrte Belastung am Knick ist das Papier oft duenn und sproede geworden. Gut meinende Vorbesitzer der Blaetter versuchen manchmal, das Schlimmste zu verhindern, in dem sie die Knickfalte mit Klebestreifen verstaerken. Sie ahnen nicht, dass sie damit einer dauerhaften Erhaltung der Zeitschrift entegegenwirken. Klebestreifen sind saeurehaltig. Der Klebstoff zerstoert mehr als er hilft und erschwert die Erhaltungsarbeit. “Normale Bruchstellen entlang der Knickfalten hingegen koennen wir reparieren,” erklaert Claire Kenny, Preservation Services Manager. Das Labor ist so etwas wie die Intensivstation der Papiererhaltung. Wer hier arbeitet, begegnet den Narben der papiernen Patienten mit einem hohen Mass an Sorgfalt und fachlichem Geschick. Um die fragilen Dokumente auch im Magazin langfristig zu schuetzen, kreieren Claire Kenny und Preservation Technician Katherine Fanning sogenannte enclosures: handgefertigte Huellen aus festen Pappdeckeln, die die Zeitschriften passgenau umschliessen. Schliesslich geht es zur eigentlichen Digitalisierung – dem Fotografieren der einzelnen Seiten, dem Zuschneiden und Bearbeiten der Bilder und der Einpflegung der Daten mit Hilfe eines sogenannten Digital Asset Management Systems. Von allen digitalen Bildern werden ausserdem Sicherheitskopien auf Mikrofilm angefertigt.

Die fragilen Zeitschriften werden durch massgeschneiderte Papphuellen geschuetzt.

Die Zeitschriften, die die Fotografin Shayna Marchese im laufenden Projektzeitraum unter die Linse bekommt, reflektieren das breite Spektrum an Periodika, die das LBI bewahrt. Zwischen umfangreichen Zeitschriftenreihen stehen seltene Einzelbaende sowie ueberschaubare Gemeindeblaetter, die aus gerade einmal zehn Seiten bestehen koennen. “Das Echo: Revista democratica cultural en idioma aleman. Die unabhaengige Halbmonatsschrift Boliviens in deutscher Sprache fuer Politik, Kultur und Wirtschaft” und “Das Band: Zeitschrift der juedischen Gehoerlosen” gehoeren zu den Titeln mit einer spezifischeren Leserschaft. Besonders alt und selten und damit wertvoll sind die zehn Exemplare von “Ha-Me’asef”. Isaak Euchel, ein prominenter Vertreter der Haskala gruendete die Zeitschrift 1783 in Koenigsberg. Obwohl die Veroffentlichung der Reihe mehrmals aufgrund mangelnder Finanzmittel unterbrochen werden musste, und trotz ueberschaubarer Auflagezahlen, die in den Hundertern blieben, konnte sich die Zeitschrift zum Zentralorgan der juedischen Aufklaerung im deutschen Sprachraum und teils darueber hinaus etablieren. “Das juedische Centralblatt” und “Israelitisches Predigt- und Schulmagazin: zugleich ein Buch der Lehre fuer alle glaubenstreuen Israeliten” sind Bildungs-Periodika aus dem 19. Jahrundert. Das Centralblatt druckte beliebte Aufsaetze juedischer Gelehrter und juedischer sowie christlicher Theologen. Geschaffen hatte die Zeitschrift der Rabbi und Philologe Moritz Gruenwald waehrend seiner Zeit als Rabbi in Bjelovar, Kroatien. Das “Israelitische Predigt- und Schulmagazin” erschien zunaechst in drei Baenden in den Jahren 1834 bis 1836. Herausgeber Ludwig Philippson, wie Euchel ein Anhaenger der juedischen Aufklaerung, machte sich fuer juedische Bildung stark. Im Centralblatt widmete er eine Rubrik Aufsaetzen zu juedischer Erziehung und Geschichte. Dort druckte er beispielsweise Texte zur Philosophie Maimonides und ueber die Verfolgung von Juden in Spanien und Portugal ab.

Zeitschriften sind ein archivarisches Paradox: In Dichte und Umfang ihres Inhalts reichen sie nicht an ihre buechernen Geschwister heran. Ausserdem sind sie aufgrund ihres auf Aktualitaet und zuegigerer Informationsweitergabe ausgerichteten Inhalts nicht zum Altwerden hergestellt. Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive ist es jedoch gerade dieses Charakteristikum, die groessere Unmittelbarkeit, die Zeitschriften zu ihrer Lebzeit besassen, die sie zu solch wertvollen Quellen macht. In ihrer Vielfalt und ihrer Leichtfuessigkeit gewaehren die diversen Zeitschriften im LBI Einblick in den Kommunikationsfluss und die Themen von spezifischen juedischen kulturellen, religioesen und politischen Milieus in einer Weise, wie es kein anderes Medium vermag. Die Mitarbeiterinnen im LBI und im Zentrum fuer juedische Geschichte sind gut geruestet fuer den sensiblen Kampf gegen den Verfall, um einen bleibenden Zugang zu den archivarischen Schaetzen zu schaffen.

 

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