Hilfe für geflüchtete Akademiker: Ein Gespräch mit Henry Kaufman

Die Archive im Leo-Baeck-Institut sind voll von Dokumenten von Akademikerinnen und Akademikern, die – dank Hilfe aus dem Ausland – vor den Nazis fliehen konnten. Die politische Philosophin Hannah Arendt, der Soziologe Werner Cahnman und die Schriftsteller Franz Werfel, Hans Sahl und Lion Feuchtwanger sind beispielsweise nur einige von Hunderten, die der in Marseille lebende amerikanische Journalist Varian Fry gerettet hat. Das Institut für Internationale Bildung (Institute for International Education, IIE) vermittelte seinerseits unter Federführung von Edward R. Murrow über 330 Akademikerinnen und Akademiker. Die Liste der Namen kommt einer Auflistung der Archivsammlungen im LBI gleich. Illustrator Hugo Steiner-Prag landete an der New York University, für Geschichtswissenschaftler Ernst Kantorowicz fand sich eine Stelle in Berkeley und die Temple University stellte den Kunstgeschichtler Hermann Gundersheimer an.

Mittlerweile führt eine neue Generation von Unterstützern diese Arbeit fort, einige von ihnen mittels derselben Institutionen, die schon zur Zeit des nationalsozialistischen Deutschlands aktiv waren. Der spätere Ökonom Henry Kaufman war 1937 zu jung, um als einer der Gelehrten seine Heimat Deutschland zu verlassen. Gleichwohl hat ihn seine eigene Fluchterfahrung für die Gefahren und Risiken sensibilisiert, denen Akademiker ausgesetzt sind, deren Arbeit, politische Haltung oder ethnische Zugehörigkeit zur Zielscheibe von Diskriminierung werden können.

Kaufman und ein weiterer deutscher Jude, der ebenfalls als Kind geflüchtete Psychiater und Investor Henry Jarecki, halfen 2002 einen mehrere Millionen Dollar schweren Fonds am IIE einzurichten. Mit ihm konnte das IIE in den letzten 15 Jahren über 700 politisch bedrohte Akademiker in über 50 Länder vermitteln.

Henry Kaufman

„Ich denke, dass jeder Mensch gerettet werden muss – unabhängig von seinem Intellekt. Gleichzeitig haben Gelehrte etwas Besonderes“, sagt Kaufman im Gespräch mit LBI Aktuell. „Ohne diese Studierten würde sich der Entwicklungsprozess der Menschheit viel langsamer vollziehen.“

Das Profil gefährdeter Akademikerinnen und Akademiker sei heute ein völlig anderes als zu der Zeit, als die Hauptbedrohung vom Faschismus ausging. „Die Akademiker, die in den 1930ern in Deutschland oder Frankreich verfolgt wurden, hatten bereits internationale Reputation erlangt“, erklärt Kaufman.

Die Mehrheit der Intellektuellen, die politisch verfolgt werden, ist nicht prominent und lebt in Entwicklungsländern. Über 70 Prozent derjenigen, die das IIE seit 2002 vermittelt hat, kommen aus dem Mittleren Osten und Nordafrika. Nach dem Beginn des Syrienkrieges und dem Erstarken des Islamischen Staats verzeichnete das IIE einen Zuwachs bei der Anzahl an Bewerbungen um 240 Prozent.

Der Einfluss der zentraleuropäischen Geflüchteten auf US-amerikanische Hochschulen – von Princetons Institute for Advanced Studies bis zur New School for Social Research – ist wohl bekannt. Welche Bedeutung „Scholar Rescue“ für die Hochschulen es 21. Jahrhunderts haben wird, könne man laut Kaufman noch nicht sagen: „Die Akademikerinnen und Akademiker bringen natürlich eine große Vertrautheit mit ihren Heimatländern mit und können diese ihren Studierenden vermitteln. Einige verfügen zudem über Expertise über ihre Länder, wie beispielsweise in Sachen Archäologie oder Religion.“

Meistens sei den Aufnahmeländern und -institutionen bewusst, dass sie von der Aufnahme gefährdeter Wissenschaftler profitieren. „Anfangs hatten wir einige Schwierigkeiten im Umgang mit der Einstellung der neuen US-Regierung in Bezug auf Einwanderung“, erklärte Kaufman. „Aber mit dem entsprechenden Sicherheitsscreening können wir weiterhin ausländischen Studierenden in die USA verhelfen. Bisher hatten wir viel Glück.“

Kaufman ist dem IIE weiterhin sehr verbunden, sichtet Bewerbungen und leistet Überzeugungsarbeit bei Universitäten weltweit, Stellen für gefährdete Akademikerinnen und Akademiker zu schaffen. „Gerade bereite ich die nächste Sitzung des Komitees vor!“ freut sich Kaufman und macht sich  an die knapp 90 Bewerbungen, die auf seinem Schreibtisch auf ihn warten.

 

 

 

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