Wissen auf der Flucht – Eine multidisziplinäre Konferenz über die institutionelle Hilfe für politisch verfolgte Wissenschaftler

Am 4. und 5. Dezember 2017 trafen sich unter dem Schlagwort „Wissen auf der Flucht“ Akademikerinnen und Akademiker unterschiedlicher Disziplinen in New York, um das bestehende Wissen über die geleistete sowie ausgebliebene Unterstützung für Gelehrte – Akademiker, Intellektuelle und Wissenschaftler – aus bedrohten und intellektuell unterdrückten politischen Kontexten zu vertiefen.

Das LBI hatte sich mit der New School for Social Research in New York und dem Deutschen Historischen Institut in Washington D.C. zusammengetan, um das akademische Treffen an der New School in Manhattan auszurichten – einer Institution, deren Geschichte der Rettung von Wissenschaftlern selbst Gegenstand der Tagung wurde. Finanzielle und ideelle Unterstützung erhielten die Organisatoren durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie durch Dr. Henry Kaufman.

Ein frühes Fakultätstreffen an der New School for Social Research, die über 180 geflüchtete Gelehrte aus Mitteleuropa aufgenommen hatte, einschließlich
Hans Staudinger, Hans Speier, Frieda Wunderlich, Arthur Feiler, Gerhard Colm,
Max Ascoli, Fritz Lehmann, Albert Salomon, Kurt Riezler, Erich Hula, Carl Mayer,
Alfred Kahler, Leo Strauss, Horace M. Kallen, Felix Kaufmann, Clara W. Mayer, und
Max Wertheimer. Veröffentlicht im New School Bulletin, 6. April 1959, aus der
Frieda Wunderlich Sammlung, AR 3230.

Zahlreiche Institutionen in den USA und besonders in New York City haben über Jahrzehnte reiche Erfahrungen damit gesammelt, politisch verfolgten Akademikern aus verschiedensten Nationen in den USA neuen und sicheren Boden unter den Füssen zu geben, so dass sie ihre akademische Arbeit in einem produktiven Kontext fortsetzen konnten. Die Konferenz näherte sich dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln. Dazu gehörten historische, finanzielle, geopolitische und kulturelle Perspektiven. Ein besonderes Augenmerk der Konferenz lag auf den institutionellen Kräften, die sich im Laufe der Geschichte für den Schutz von Wissenschaftlern als zu- bzw. abträglich erwiesen haben. In den drei Panels und der abschließenden Diskussionsrunde reflektierten die Konferenzteilnehmer ihre Einblicke außerdem immer wieder mit Blick auf die gegenwärtige Flüchtlingskrise.

Die Abschlussdiskussion, moderiert von Simone Lässig (German Historical Institute, Washington, D.C.), schlug einen Bogen vom Blick in die Geschichte zur gegenwärtigen Herausorderung im Einsatz für den Schutz verfolgter Wissenschaftler. Mit David Gill (Deutscher Generalkonsul in New York), Sarah Willcox (Institute of International Education, IIE), Asli Igsiz (New York University) und Julika Griem (Vice-President of the German Research Foundation) waren Stimmen aus den Bereichen Nichtregierungsorganisation, Regierung, Universität sowie von Finanzgebern vertreten.

Die Panelisten diskutierten, ob und inwiefern sich das Prinzip zur Rettung von Wissenschaftlern über die Jahrzehnte verändert hat. Laut Willcox sei es schwierig zu sagen, ob sich im Vergleich zu den 1930er und 40er Jahren, in denen mit den Vorteilen für die Gastgeberländer geworben wurde, der moralische Impetus der Hilfe für die Wissenschaftler zum Humanismus hin geändert hat. Was sie jedoch deutlich wahrnehme, seien die geschichtlichen Parallelen der Situationen, denen die Wissenschaftler versuchen, zu entkommen. Für die Arbeit des IIE sei das Prinzip der Humanität jedoch das entscheidende Kriterium: Wer gerettet werde hänge nicht von politischen, sondern humanitären Kriterien ab.

Nach der US-amerikanischen Invasion des Irak, beispielsweise, seien hunderte von Wissenschaftlern bedroht und getötet worden. IIE konnte mit privaten und öffentlichen Geldern helfen, die die US-Regierung zur Verfügung gestellt hatte. Dazu sei die Unterstützung durch die philanthropische, menschenrechtliche und akademische Gemeinschaft unentbehrlich gewesen. Strukturell und institutionell sei die Rolle der Universitäten in der Hilfe für die Akademikerinnen und Akademiker essenziell. Sie seien die eigentlichen Gastgeber für die Geflüchteten: Sie leisteten viel Arbeit bevor und nachdem die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an ihrer neuen Wirk- und Lebensstätte angekommen sind. Die New School in New York nehme diese Verantwortung sehr ernst und habe sich seit jeher sehr darum bemüht, die Geflüchteten in der akademischen Gemeinschaft willkommen zu heißen – ein entscheidender Faktor für ihren langfristigen Erfolg, so Willcox.

Die New School werde ihre Arbeit mit dem Konzept der University in Exil fortsetzen. Dazu habe sie in Zusammenarbeit mit IIE ein Konsortium mit anderen Universitäten an der Ostküste ebildet. Ziel sei, Wissenschaftler aus Syrien, der Türkei und andere Ländern ein langfristig eine stabile Basis für kritische und freiheitliche Forschung und Lehre zu bieten.

Zur Frage ob europäische Länder, wie zum Beispiel Deutschland, ein größeres Gewicht in diesem politischen Kontext spielen, erläutert Generalkonsul für Deutschland in New York, David Gill, die besondere Verpflichtung, die für Deutschland aus seiner eigenen Geschichte der Verfolgung und Unterdrückung heraus nachkommen will. Zudem sei Deutschland heute in einer Verfassung, in der es den Wissenschaftlern eine Erfahrung einer lebendigen Demokratie sowie Freiheit für das akademische Denken und wissenschaftliche Forschen ermöglichen kann – eine Erfahrung, mit der die geschützten Wissenschaftler dann in ihre Länder zurück gehenkönnten. Die Länder im Nahen Osten könnten es sich nicht leisten, ihre intellektuelle und wissenschaftliche Kapazität zu verlieren.

Julika Griem, Vize-Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, zeigte sich skeptisch bezüglich der vermeintlich fließenden Übergänge zwischen Situationsanalyse und humanitärem Aktivismus eziehungsweise zwischen der Retrospektive auf die 30er und 40er Jahre und einer Anwendung historischer Lektionen auf die Gegenwart, und zwar aus erkenntnistheoretischen Gründen. Es sei wichtig, das Akademikerinnen und Akademiker sich der institutionellen Rollen bewusst werden, die sie innehaben, wenn sie über geflüchtete Wissenschaftler sprechen.

 

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