Das Leo Baeck Institut hält die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums lebendig.
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Feiern Sie mit uns am 15. Juni 30 Jahre AHC
„Da ist irgend etwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden“, sagte Hannah Arendt -sie hatte das Leo Baeck Institut 1955 mitbegründet- noch zwanzig Jahre nach dem Ende der Shoah in einem Fernsehinterview mit dem deutschen Journalisten Günter Gaus. Dieser Zivilisationsbruch -die industriell organisierte Vernichtung von über sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden-, das bisher Unvorstellbare, brachte tiefgreifende moralische und politische Brüche in die moderne Welt. Während Arendt, wie so viele Überlebende und Emigrant:innen das Geschehene kaum verarbeiten konnten, lange kaum Gehör fanden und häufig traumatisiert zurückblieben, lebten allzu viele Täter:innen oft allzu lange unbehelligt weiter. Eine Aufarbeitung blieb auch in Österreich lange aus. Erst 1991 bekannte sich die Republik erstmals zu ihrer Verantwortung. In seiner Rede relativierte Bundeskanzler Vrantizky nicht nur die bis dahin auch von offizieller Seite hochgehaltene Opferthese, wonach Österreich erstes Opfer der Machtentfaltung des Deutschen Reiches unter Adolf Hitler gewesen sei, sondern bekannte auch die Mitschuld der Österreicher:innen am Zweiten Weltkrieg und der Shoah. Um dieser Verantwortung -gerade gegenüber den Opfern, den mehr als 65.000 ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden, den vielen Menschen anderer Opfergruppen, und Überlebenden des NS-Regimes- gerecht zu werden, wurde vier Jahre später der Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus gegründet. Aus der Zusammenarbeit des Nationalfonds, des Austrian Cultural Forum New York (ACFNY), des Vereins GEDENKDIENST und des Leo Baeck Instituts New York entstand schließlich die Austrian Heritage Collection (AHC). Seit 1996 reisen jedes Jahr österreichische Freiwillige -entsendet durch den Verein GEDENKDIENST- nach New York. Die am dortigen Leo Baeck Institut beheimatete Austrian Heritage Collection verfolgt seitdem das Ziel die Geschichte österreichisch-jüdischer Emigrant:innen, die in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft über Europa nach Nordamerika geflohen sind, zu dokumentieren.
30 Jahre nach der Gründung haben 57 verschiedene Gedenkdienstleistende über 1000 Oral History Interviews geführt. Mehr als 4000 Fragebögen wurden retourniert, zahlreiche zeitgenössische Dokumente gesammelt. Die Stimmen vieler Menschen, die solange -besonders in ihrem Herkunftsland Österreich- kaum oder gar kein Gehör fanden, erreichen durch das Projekt eine große Öffentlichkeit. Ihre Geschichten berichten von Verfolgung und Vertreibung, von Entrechtung und Enteignung, von einer oftmals gestohlenen und wiederum neu gewonnenen Heimat, von ihrem Verhältnis zu Österreich und den Österreicher:innen. So viele Gemeinsamkeiten diese Interviews mitunter auch haben, ist jede Person und jede Geschichte einzigartig. Ihre Stimmen werden auch durch die Gedenkdienstleistenden -ganz im Sinne Elie Wiesels, „Wer einem Zeugen zuhört, wird selbst zum Zeugen“- weitergetragen. Dieser persönliche Kontakt zwischen jungen Österreich:innen und Emigrant:innen zeichnet die Austrian Heritage Collection besonders aus. In den 30 Jahren ihres Bestehens sind Kontakte und Freundschaften entstanden, gegenseitige Besuche sind vielfach erfolgt.
Mit dem Sterben der letzten Emigrant:innen, mit dem „Ende der Zeitzeug:innenschaft“, steht auch die AHC vor einer Herausforderung. Seit 2025 ist es bereits Realität der Gedenkdienstleistenden, vor allem Kinder, Neffen und Nichten von Überlebenden und Emigrant:innen -die sogenannte 2. Generation- zu interviewen. So sehr dies das Projekt künftig nachhaltig verändern wird, bringen diese Menschen wieder neue Perspektiven und neue Blicke. Wie gestaltet sich ihr Verhältnis zu Österreich? Sind sie österreichische Staatsbürger:innen geworden? Wie definieren sie ihre Identität? Was heißt es als Kind von Überlebenden und Emigrant:innen aufzuwachsen? Ihre Geschichten und Stimmen, ihre Blicke auf die AHC und die Bedeutung des Erzählens, die Veränderung desselben wird das Projekt zukünftig Ausdruck verleihen. Das 30 jährige Bestehen der Austrian Heritage Collection ist auch deshalb keineswegs nur ein Grund zum Feiern, sondern auch ein Zeitpunkt der Reflexion.
Die folgenden im Jahr 2026 von den Gedenkdienstleistenden Zoé Prauhart und Max Volgger geführten Interviews mit wichtigen Persönlichkeiten, die die Collection seit Jahren und Jahrzehnten begleiteten und begleiten -in New York, wie Wien-, mit drei Menschen der 2. Generation und vier ehemaligen Gedenkdienstleistenden ist ein erster Ausdruck dieser Reflexion.
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