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Der 80. Jahrestag der Novemberpogrome

Autor
Dr. Miriam Bistrovic
Datum
9. November 2018

„Wie sich die Verhältnisse gestalten werden, kann niemand von uns voraussagen, dass wir an dem gemeinsam Aufgebauten festhalten, solange es geht, kann uns kein Mensch übel nehmen, und ob alles, was wir jetzt oder in nächster Zeit tun, richtig ist, kann auch von niemand abgewertet werden, vielleicht war alles falsch und alles zu spät.” Mit diesen Worten schloss am 5. Januar 1938 der Brief an die Teilhaber der Papierfabrik Fleischer in Eislingen und zugleich waren es auch die ersten Worte, die bei der Präsentation des 1938Projekts in Kooperation mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland anlässlich des 80. Jahrestags der Novemberpogrome in der Berliner Synagoge in der Rykestraße erklangen.

Hell erleuchtet empfing die prachtvolle Synagoge an diesem grauen Novembermorgen ihre Gäste. Bei seiner Einweihung im Jahre 1904 gehörte der eindrucksvolle Bau mit seinen einstmals über 2000 Sitzplätzen zu den größten Synagogen Europas. Selbst 2018 hat das Gotteshaus dank originalgetreuer Restaurierung nichts von seiner würdevollen Atmosphäre eingebüßt. Lediglich ein Raunen ging durch die Reihen, als die Mitglieder des Synagogal Ensemble Berlin emportraten. Dann herrschte Stille. Kein Rascheln ertönte. Ehrfurchtsvoll richteten sich alle Augen nach vorne, als der Chor „Enosh“, den von Louis Lewandowski vertonten Psalm 103 anstimmte.

Mit dem Lob des Ewigen begann die zentrale Gedenkveranstaltung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie fand statt in Anwesenheit des Bundespräsidenten Dr. Frank-Walter Steinmeier, des Bundestagspräsidenten Dr. Wolfgang Schäuble und der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, die auch die Abschlussrede hielt. Zahlreiche weitere Mitglieder der deutschen Regierung, fast alle Bundestagsabgeordneten, ranghohe Vertreter der Zivilgesellschaft sowie Personen des öffentlichen und religiösen Lebens in Deutschland nahmen als geladene Gäste daran teil. Sie alle saßen gemeinsam an jenem Freitag in der geschichtsträchtigen Synagoge inmitten von Berlin, an diesem Tag, 80 Jahre nach den Novemberpogromen.

Beginnend mit der Nacht zum 9. November 1938 wurde in einem präzedenzlosen Gewaltexzess und mit ungebändigter Zerstörungswut das vernichtet, was deutschsprachige Juden über Generationen mühsam aufgebaut hatten: Synagogen, Geschäfte, Existenzen und Menschenleben. Aber trotz anderslautender Aussagen der Nationalsozialisten war es kein „Volkszorn“, der sich spontan entlud. Darauf ging auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, in seiner aufrüttelnden Rede ein: „Diese sogenannte Reichspogromnacht passierte nicht aus dem Nichts. Die Ausgrenzung der Juden aus der deutschen und seit dem 12. März 1938 auch aus der österreichischen Gesellschaft hatte längst eine gesetzliche Basis bekommen. Seit der Machtübernahme 1933 goss die NS-Regierung das gesetzliche Fundament für den Ausschluss der Juden aus der Gesellschaft. […] Wie sehr den Juden das Leben erschwert wurde, können Sie an der Ausstellung ‚1938 Projekt - Posts from the past‘ des Leo-Baeck-Instituts sehen, die wir heute in einer kleinen Auswahl präsentieren. Es sind ergreifende Zeugnisse, die mehr erzählen als nackte Zahlen.

In einer knapp zehnminütigen Präsentation wurden im Anschluss an die Rede von Josef Schuster acht Zeitzeugnisse aus dem Onlinekalender des 1938Projekts vorgestellt. Dabei handelte es sich um eine kleine Auswahl aus den zahlreichen privaten Einblicken in das Jahr 1938, die seit dem 1.Januar 2018 auf www.lbi.org abrufbar sind und den Leserinnen und Lesern einen unmittelbaren Eindruck davon vermitteln, was die einschneidenden Ereignisse des Jahres für jüdische Familien, deren Leben und Alltag bedeuteten. Die authentischen Zitate wurden bei der Gedenkfeier von vier jungen Jüdinnen und Juden aus dem Begegnunsprojekt Likrat vorgetragen, von einem weiteren Sprecher aus dem Off mit Hintergrundinformationen unterlegt und durch Bilder aus den zugehörigen Sammlungen des LBI ergänzt. Auch wenn die Verfasserinnen und Verfasser der Zeilen nicht länger am Leben sind/mehr unter uns weilen[MB1] , sorgten die jungen Vortragenden mit ihrer berührenden Intonation dafür, dass ihre bewegenden Worte dennoch zu Gehör kamen. Gerade durch die Wahl der vier Heranwachsenden, die das heutige Judentum in Deutschland und zugleich dessen Zukunft verkörpern, und die emotionale Wucht der geschilderten vergangenen Erlebnisse ergab sich eine mitreißende Dynamik, der sich die Anwesenden nicht entziehen konnten.

Doch nicht nur auf Grund der Präsentationsform und des gewählten Ortes entstand eine enge Verquickung von historischer Erfahrung und Gegenwart. Trotz ihrer geschichtlichen Bedeutung haben die vorgetragenen Beiträge des 1938Projekts nicht ihren Bezug zum Hier und Jetzt verloren, denn wie Josef Schuster festhielt „wenn wir heute an die staatlich organisierten Ausschreitungen gegen Juden im November 1938, also vor 80 Jahren, erinnern, dann tun wir dies nicht nur in dem Wissen um das größte Menschheitsverbrechen in der Geschichte und mit Blick auf die Lehren, die wir daraus gezogen haben. Sondern wir tun es auch in dem Wissen, dass immer noch Unrecht geschieht. […] Jeder von uns trägt Verantwortung dafür, dass Respekt und Toleranz das Profilbild Deutschlands prägen. Was wir jetzt brauchen, sind mutige und überzeugte Demokraten. Wir brauchen Menschen, die Zivilcourage zeigen. Menschen, die den Mund aufmachen. […] Wenn wir im Kleinen nicht einstehen für die Werte unseres Grundgesetzes, für die Menschenwürde, dann dürfen wir nicht erwarten, dass es im Großen funktioniert.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte in ihrer Abschlussrede, „dass wir nur dann die richtigen Lehren für uns heute und in Zukunft ziehen können, wenn wir die Novemberpogrome 1938 als Teil eines Prozesses verstehen, dem mit der Shoa ein schreckliches Danach folgte, dem aber eben auch ein Davor vorausging. Weil wir so sehen können, wohin es führt, wenn – wie im Nationalsozialismus – ein zuvor strafbares Verhalten erst geduldet und schließlich zum erwünschten Verhalten erklärt wird. Vorher beziehungsweise immer schon gehegte Vorurteile konnten nun ungestraft in offene Gewalt umschlagen. Begleitet wurde dies von dem Wegschauen, dem Schweigen, der Gleichgültigkeit, vor allem aber auch dem Mitlaufen einer großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Mit der Befreiung Deutschlands im Mai 1945 und dem anschließenden Neubeginn änderten sich die politischen Rahmenbedingungen. Die normative Abgrenzung von Rassismus und Antisemitismus war fundamental. Aber Rassismus, Antisemitismus und Vorurteile verschwanden nicht einfach.“

Die innerhalb des 1938Projekts angesprochenen Themen wie Flucht, Diskriminierung und Ausgrenzung sind heutzutage ebenso aktuell, wie die damit verknüpften Fragen nach Akkulturation, Identität(en), Selbstbehauptung und gesellschaftlichen Engagement. Bloß bleiben sie beim 1938Projekt nicht im Ungefähren sondern sind immer auch an die Einzelpersonen geknüpft, die sie stellen. Historische Ereignisse und politische Entscheidungen des Jahres 1938 werden nicht lediglich mittels knapper Daten und nüchterner Opferzahlen geschildert sondern anhand von persönlichen Schicksalen, die sich dahinter verbergen. Das war es auch, woran Bundeskanzlerin Angela Merkel erinnerte, als sie abschließend auf den Anlass der Gedenkveranstaltung und die besondere Rolle von Orten des Gedenkens einging: „An Tagen wie heute innezuhalten und uns gemeinsam zu erinnern, ist deshalb wichtig. […] Denn es geht um Menschen. Jeder einzelne von ihnen hatte einen Namen, eine einzigartige Würde und Identität. An diese Identität und Würde zu erinnern, hilft, nicht im Verlust stehenzubleiben. Es hilft, die Erinnerung nicht vom gegenwärtigen Leben abzukoppeln, sondern in unserem gegenwärtigen Leben immer wieder die Verbindung zur Vergangenheit herzustellen und darauf gründend die Zukunft zu gestalten – eine Zukunft, in der wir in jedem Menschen einen Menschen erkennen und uns von Mensch zu Mensch begegnen.“

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